28.08.2013

Ach du grüne Neune!

Über die Herkunft des Erstaunens-Ausrufs rätseln Sprachforscher bis heute

"Ach du grüne Neune!" Dieser Ausdruck des bedauernden Erstaunens hat sich fest in den kollektiven Sprachschatz der Deutschen eingebrannt. Doch warum da von einer Neun die Rede ist und weshalb diese ausgerechnet grün sein soll, das vermag heute kaum jemand mehr zu sagen. Selbst Sprachforscher rätseln, wo der wahre Ursprung dieser Redensart liegt.

Herzförmige Blätter sind das Vorbild der Farbe Grün im Kartenspiel, die neben Pik auch Laub, Gras oder Schippen genannt wird. Foto: nu.tritionist, CC-Lizenz
Grüne Blätte, Foto: nu.tritionist, CC-Lizenz

Uralt, wie so manch andere Redensarten, scheint die "grüne Neune" nicht zu sein: Das Wörterbuch der Brüder Grimm, sonst eine reiche Quelle bei der Suche nach den Ursprüngen symbolträchtiger Worte, schweigt sich zu diesem Thema aus. Als Herkunftsort der Redensart wird meist Berlin vermutet, womit wir auch schon bei der ersten Erklärung sind: Hier gab es Mitte des 19. Jahrhunderts ein Lokal namens Coventgarden. Es lag in der Blumenstraße 9 im Bezirk Friedrichshain – einer Straße mit einem heute etwas anderen Verlauf als damals. Betreten wurde das Lokal wohl bevorzugt durch den Hintereingang, damals am "Grünen Weg" (heute Singerstraße) gelegen. Und genau deshalb wurde es auch die "grüne Neune" genannt.

Der Ruf des Lokals war mehr als zweifelhaft: In der Blumenstraße in dem Berliner Bezirk, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen großen Aufschwung genommen hatte, pulsierte damals das raue gesellschaftliche Leben eines Arbeiterviertels. Schon 1845 hatte im Haus Nummer 9 der "Gesellen-Verein zur Belehrung und geselligen Unterhaltung" sein erstes Stiftungsfest, wie die Autorin Marlies Sparmann in der online erscheinenden "Friedrichshainer Chronik" berichtet. Wenig später, um 1852, wurde hier ein Tanzlokal eröffnet, das vor allem durch Schlägereien von sich reden machte. Immer wieder musste die Polizei für Ordnung sorgen. So verbreitete sich der Ruf der "grünen Neune" und damit wohl auch der Ausruf "Ach du grüne Neune!" in Berlin und schließlich auch über die Metropole hinaus.

Im deutschen Blatt ist das Symbol für Pik traditionell grün, während es im französischen Blatt schwarz ist. Foto: public domain
Kartenspiel, Foto: public domain

Es gibt jedoch eine zweite Erklärung für den Ausruf: Bei der Wahrsagerei durch Kartenlegen, wie sie beispielsweise auf Jahrmärkten betrieben wurde, verhieß die Karte Pik Neun nichts Gutes. Sie soll für kommende Sorgen, Traurigkeit und Schicksalsschläge gestanden haben oder zumindest davor gewarnt haben, nicht zu sorglos oder unvorsichtig zu sein. Im traditionellen französischen Blatt war Pik schwarz, im deutschen Blatt jedoch mit der Farbe Grün verbunden. Das Symbol wurde auch Laub, Gras oder Blatt genannt. Kam nun also bei der Vorhersage der Zukunft die grüne Neun, war das ein Aufruf zur Vorsicht.

Die Zahl Neun hatte ohnehin eine große symbolische Bedeutung: Als Quadrat der göttlichen Zahl Drei galt sie schon in der keltischen Mythologie als besonders allumfassend. Doch auch in der christlichen Symbolik taucht die Neun auf, beispielsweise in Form neuntägiger Gebetsfolgen anlässlich hoher Feiertage. Am Gründonnerstag werden in manchen Gegenden Mahlzeiten mit neunerlei Kräutern zubereitet, die Gesundheit für das ganze Jahr bringen sollen. Hier taucht sogar wieder die Verbindung zur Farbe Grün auf. Welche Erklärung nun die zutreffende ist oder ob beide zur Entstehung der Redewendung beigetragen haben, das lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. (ud)