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01.02.2012

Auf der Suche nach der historischen Farbigkeit

Die Kunsthistorikerin Dr. Christel Darmstadt berät seit vier Jahrzehnten Bauherren bei der farblichen Gestaltung denkmalgeschützter Gebäude

"Farbe ist das instabilste Baumaterial am Gebäude überhaupt", sagt Dr. Christel Darmstadt. Die Kunsthistorikerin spricht aus praktischer Erfahrung. Während Steine, Holz und Mauerwerk die Zeiten meist weitgehend unverändert überstehen, wird die  Farbe durch Witterungseinflüsse oft stark verändert oder verschwindet ganz. Die Farbe des historischen Originals ist daher oft "ein Buch mit sieben Siegeln", wie es Christel Darmstadt formuliert.

Für die Neufassung des ursprünglich aus dem Jahr 1920 stammenden Empfangsgebäudes des Bahnhofs in Hamm hat Dr. Christel Darmstadt das Farbkonzept entwickelt. Foto: public domain
Bahnhof Hamm, Foto: public domain

Dennoch gelingt es immer wieder, einen Blick in die Seiten dieses Buchs zu werfen: Mit einer Kombination aus fundiertem baugeschichtlichen Wissen, der sorgfältigen Befundanalyse noch vorhandener Reste originaler Anstriche und mit Erfahrung  erschließt sich gelegentlich doch die historische Farbigkeit so manchen Gebäudes. In ihrer Dissertation und weiteren dreißig Jahren Forschung ist Christel Darmstadt dem Thema auf den Grund gegangen und hat dabei zahlreiche Mythen um die historische Farbigkeit gelüftet. Sie fand Farbordnungen für die Baufarbgestaltung, die bereits schon in der Renaissance galten, im 18. und 19. Jahrhundert immer wieder auftauchten und bis heute gelten.

Der Schwerpunkt von Christel Darmstadts Arbeit liegt auf Bauwerken aus dem Klassizismus, dem Historismus und Jugendstil bis in die Zeit des Funktionalismus des 20. Jahrhunderts. Mit ihrem Beratungsbüro mit Sitz in Bochum wird sie hinzugezogen, wenn es um die authentische Instandsetzung und Farbgestaltung von Gebäuden aus diesen Epochen geht. Sie erarbeitet dann – bei denkmalgeschützten Gebäuden in Abstimmung mit den Behörden – Farbkonzepte, die sich einerseits am historischen Original orientieren, manchmal jedoch auch einer Neufassung analog zu den zur Entstehungszeit des Gebäudes üblichen Konzepten entsprechen.  

Doch wie wird Wissen um die originalen Farbtöne über Jahrhunderte hinweg transportiert? Das Spektrum möglicher Informationsquellen beginnt beim Studium zeitgenössischer Schriften. Nur selten sind es jedoch farbige Darstellungen von Gebäuden, die Rückschlüsse auf die ursprüngliche Farbigkeit zulassen. Vielmehr kommt das Wissen oft von ganz anderer Seite, erklärt Christel Darmstadt: So gab es im 19. Jahrhundert verhältnismäßig häufig eine lebhafte Kritik an der farbigen Gestaltung von Fassaden. Anhand schriftlicher Zeugnisse, die bis hin zu Schmähschriften reichen konnten, lässt sich so bis heute nachvollziehen, mit welcher Farbgestaltung die Architekten und Fassadenmaler der damaligen Zeit den Unmut des Volkes und der Kritiker erregten. Andererseits wurden durchaus auch ästhetisch ansprechende Gestaltungen beschrieben.

Die historische Farbigkeit Jahrhunderte alter Gebäude ist häufig nur noch mit viel Erfahrung und Recherche zu ergründen. Foto: secretgarden, Photocase.com
Fassaden, Foto: secretgarden, photocase.de

Das Wissen um die Stile und Strömungen in Kunst und Architektur und deren Auswirkungen auf die Farbigkeit sind elementar für die Analyse historischer Farbgestaltung. Denn schon in früheren Jahrhunderten sind das Aufkommen, Verschwinden und die Wiederkehr von Trends zu beobachten, die seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis in die 1940er-Jahre auch "Farbbewegung" genannt wurden.

"In der Baufarbgestaltung ist seit dem späten 18. Jahrhundert die Monochromie entweder tradiert worden oder sie ging verloren und wurde wiederentdeckt", erklärt Christel Darmstadt. Monochromie bedeutet hier jedoch nicht der Anstrich in einem einzigen Farbton. In den Fachbüchern insbesondere des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde die historische Monochromie als die Ableitung von einem Basiston in seinen Aufhellungen mit Weiß und die dazugehörenden empfindungsmäßig korrespondierenden Grautöne beschrieben. Dies ist die abstrakte Grundlage für eine ästhetisch befriedigende Baufarbgestaltung. In der Praxis gilt es dann, viele weitere Grundsätze und Gestaltungsdetails zu berücksichtigen, die ebenfalls über Jahrhunderte überliefert wurden.

Unerlässlich für das Erkennen ursprünglicher Farben ist auch die Untersuchung von Farbresten am Gebäude selbst. Doch auch hier gibt es Fallstricke, die zu Fehlinterpretationen führen können. So geht man bei einer Fassade zunächst davon aus, dass der unterste Anstrich der ursprüngliche ist – und sitzt damit schon dem ersten möglichen Irrtum auf: Über viele Jahrzehnte hinweg führten Maler den ersten Anstrich einer Fassade mit zusammengemischten Farbresten aus. Die braungrauen Töne, die heute bei Befunduntersuchungen nicht selten zutage treten, sind also oft die "Werkstattfarbe". Auch der insbesondere an vornehmen Gebäuden häufig ermittelte Erstanstrich in Weiß ist der Voranstrich.

Farbe ist eines der wenigen Gebäudemerkmale, die über die Jahre gänzlich verschwinden können. Foto: Hindemitt, Photocase.com
Innenhof, Foto: Hindemitt, photocase.de

Der zweite häufige Irrtum solcher Untersuchungen resultiert aus der Tatsache, dass manche Gebäude ursprünglich überhaupt nicht gestrichen waren. Das Mauerwerk musste zwar durch einen Putz geschützt werden, doch bei weitem nicht alle Bauherren leisteten sich überhaupt einen Anstrich, weil der Putz bis zu einem Jahr abbinden musste. Erneut ein Gerüst aufzustellen und die Fassade zu streichen, war vielen oft zu teuer.

Doch wie wird das Wissen um die ursprüngliche Farbigkeit des Gebäudes schließlich in der Praxis umgesetzt? Die Konzepte, die Christel Darmstadt für ihre Bauherren erarbeitet, müssen nicht in jedem Fall vollständig dem historischen Original – oder dem, was aus den vorliegenden Resten vermutet werden kann – entsprechen. "Man darf trotz denkmalpflegerischer Linientreue nicht vergessen, dass die farbige Gestaltung des Gebäudes in den heutigen Kontext der Straßenzeile oder des Ensembles passen muss", erklärt Christel Darmstadt. Das Umfeld, in dem das Gebäude steht, kann heute schließlich ein völlig anderes als zur Zeit seiner Entstehung sein.

Hier sei es oft angebracht, Neuinterpretationen des Überlieferten umzusetzen  – schließlich deckt man ja auch die Dächer neu oder fügt Erweiterungsbauten an.  Auch bei der Farbe müsse man "das Denkmal zumindest partiell in das Heute übersetzen", unterstreicht Christel Darmstadt. Ästhetische Kriterien spielen da selbstverständlich eine große Rolle: "Eine Fassade muss lesbar sein", formuliert die Beraterin einen der Grundsätze ihrer Arbeit. Das bedeutet, in der Gestaltung ein stringentes Konzept zu schaffen, das dem Wesen und den Eigenheiten des Gebäudes gerecht wird: "Wir sind nur Diener der Gebäude."

Umgesetzt hat die Farbgestalterin diese Grundsätze und ihr Wissen seit 1977 bei der Restaurierung von ungezählten Gebäuden, historischen Bahnhöfen, Jugendstil- Theatern und Bürgerhäusern vom Historismus bis zu den 1950er-Jahren sowie  in Kirchen und Arbeitersiedlungen. Doch trotz ihrer großen Erfahrung stellt Christel Darmstadt fest: "Jedes Gebäude ist eine neue, große Herausforderung, um ihm, aber auch den anderen Ansprüchen gerecht zu werden."  (ud)