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12.11.2014

Aufgelöst in Farbe und Licht

Der britische Maler William Turner revolutionierte im 19. Jahrhundert den Umgang mit Farbe in der Malerei

In einer Nacht im Oktober 1834 zerstörte ein Feuer den alten Westminster-Palast am Ufer der Themse in London. Einer der Augenzeugen: der britische Maler William Turner. Ein Jahr später hielt er die Katastrophe in einem Gemälde fest: Er malte das Feuer als Wirbel aus flirrendem hellen Licht und gelb-oranger Farbe, die miteinander zu verschmelzen scheinen und in grau-blaue Töne eingebettet sind. Die Brücke, die auf einen Fluss schließen lässt, ist hingegen nur schemenhaft im Hintergrund zu erkennen. Das Bild fällt in eine Zeit, in der sich in der Kunst Turners ein revolutionärer Wandel vollzog: Statt der Darstellung von Details stellte er nun leuchtende Farben und Licht in den Mittelpunkt seines Schaffens – eine Malweise, die die Kunstwelt auf den Kopf stellte.

In diesem Werk von 1835 stellte William Turner (1775-1851) den Brand des alten Westminster-Palastes in seiner revolutionären Malweise mit leuchtenden, flirrenden Farben und aufgelösten Konturen dar. Repro: public domain
Turner: Brand des Westminster-Palastes. Repro: public domain

William Turner wurde 1775 in London geboren. Bereits mit 14 Jahren war er Stipendiat der Royal Academy, mit 26 deren offizielles akademisches Vollmitglied, mit 36 Dozent mit eigener Malklasse. Der Künstler reiste viel, anfangs nur in Großbritannien, ab 1796 aber auch auf dem europäischen Festland. Er entwarf sehr viele Landschaftsskizzen und schulte damit in dieser Zeit seinen Blick für die Natur. Landschaften wurden zu Turners bevorzugtem Motiv, und in seinen frühen Arbeiten war er noch sehr um Detailgenauigkeit und korrekte Wiedergabe bemüht.

Ab 1819 unternahm Turner Reisen nach Rom, Neapel und Venedig. Dort konzentrierte er sich auf Lichtstudien, die er in der Aquarell- und Ölmalerei verwertete. Dabei orientierte er sich an der virtuosen Farbigkeit der von ihm bewunderten venezianischen Maler Tizian und Tintoretto aus dem 16. Jahrhundert.

In seinen Bildern legte er nun mehr und mehr den Schwerpunkt auf die Darstellung der besonderen Atmosphäre und löste sich dabei von seinem realistischen, akademischen Stil. Etwa 400 Aquarelle, die zwischen 1820 und 1830 entstanden sind, bezeichnete er als "Farbanfänge". Hier begann Turner, die Farbe der Dinge so auszuführen, dass das Motiv manchmal unkenntlich blieb. Er führte ein Aquarell ohne Vorzeichnung aus und war in der Lage, diffuses Licht wiederzugeben. Diese Technik nutzte er auch für seine Ölmalerei.

Die aufgewühlte See spielt, wie auch in diesem Gemälde aus dem Jahr 1840, in William Turners Werk immer wieder eine Rolle.
Turner: Sturm. Repro: public domain

Die dramatische Natur, wie zum Beispiel das wilde Meer, Nebel und Stürme, sind oft Thema in Turners Werken. Hier scheinen Bewegung und Licht in strudelnden Kompositionen eins zu werden. Aber auch historische Inhalte und die Entwicklung der Technik, wie zum Beispiel Schiffe in ruhiger und bewegter See sowie rasende Eisenbahnzüge, bildet er oft in seinen Werken ab.

Der große Umbruch in Turners Malerei vollzog sich zwischen 1830 und 1837. In dieser Zeit entstand auch das Gemälde, das den Brand des Westminster-Palastes zeigt. Die gegenständlichen Formen lösten sich in Licht und Farbe auf, die Farben wurden expressiv, die Darstellung von Licht und Dunkelheit gewann für ihn an Bedeutung und der Pinselstrich wurde pastoser. Es schien nur noch das Atmosphärische interessant zu sein.

In seinem Spätwerk führte Turner die Sujets seiner Bilder immer weniger aus, sondern thematisierte mehr die Wirkung von Licht und Farbe. Er vollendete wenige seiner Gemälde, stattdessen legte er Atmosphäre und Farbkomposition nur flüchtig an. Zum Beispiel nutzte er in seinen späten venezianischen Aquarellen die Stadt Venedig hauptsächlich als Kulisse für reine Farbstimmungen und löste die Bildmotive sehr weit auf. Statt Farben wie Schwarz und Weiß brachte Turner vor allem farbenfrohe Kontrastpaare wie Gelb-Blau und Violett-Orange auf die Leinwand und setzte unterschiedliche farbige Streifen und Flecken nebeneinander, sodass die Töne an Leuchtkraft gewannen.

Bei seinen Zeitgenossen war William Turner umstritten, einige hielten ihn für altersschwach oder für verrückt, denn sein Malstil mit seinem besonderen Einsatz der Farbe und dem Auflösen der Umrisse war für die damalige Zeit äußerst unkonventionell. Was bei Turner noch den Status des Unvollendeten besaß, wurde Markenzeichen der Impressionisten: Die atmosphärische Gesamtwirkung mit Auflösung der Konturen der dargestellten Dinge durch locker gesetzte Farbe. William Turner gab mit diesen Ansätzen in seiner Landschaftsmalerei den nachfolgenden Künstlern wichtige Anregungen.