21.04.2010

"Beide liebten wir Blau…"

Die Künstlergruppe "Der blaue Reiter" erhielt ihren Namen am Kaffeetisch

Auf den ersten Blick sind die Werke sehr unterschiedlich: Die farbenfrohen Tierstudien in leuchtendem Rot, Gelb und Blau von Franz Marc, Wassily Kandinskys musikalische abstrakte Kompositionen in gedeckten Farbakkorden und die bunten, orientalisch anmutenden Farbfantasien von August Macke. Diese künstlerische Vielfalt fand Platz in der Künstlergemeinschaft "Der Blaue Reiter", die sich 1911 in München formierte. Was die unterschiedlichen Werke verbindet, ist ihr geistiger Hintergrund, den die Künstler in einer Programmschrift zusammengefasst haben.

Franz Marc liebte Pferde und malte diese auch in Blau. Repro: wikipedia.de, public domain
Repro: wikipedia.de, public domain

1911 schlossen sich Wassily Kandinsky und Franz Marc zur Künstlergruppe "Der blaue Reiter" zusammen, zu deren engeren Mitgliedern auch August Macke, Gabriele Münter, Alfred Kubin, Alexej Jawlensky und Paul Klee gehörten. Marc und Kandinsky hatten nicht die Absicht, eine Gemeinschaft mit einem festen Programm zu schaffen oder eine bestimmte Richtung, einen gemeinsamen Stil zu propagieren. "Der blaue Reiter" verstand sich als eine Verbindung gleich gesinnter Künstler, die sich hauptsächlich intellektuell und analytisch auseinandersetzten. Alle Künstler interessierten sich für mittelalterliche Kunst und Primitivismus, aber auch für die zeitgenössische französische Kunst des Fauvismus und Kubismus sowie für Volkskunst, naive Malerei und Kinderzeichnungen.

Kurze Zeit nach der Gründung präsentierte die Gruppe in einer Münchner Galerie eine erste eigene Ausstellung, im darauf folgenden Jahr eine zweite. Im selben Jahr erschien die Programmschrift "Der Blaue Reiter" mit aktuellen Beiträgen zur Kunst, Musik und Literatur, an der sich zahlreiche Künstler mit Text- und Bildbeiträgen aus den verschiedensten Bereichen der Bildenden Kunst, der Volkskunst, der Musik und des Theaters beteiligten. Hier wurden erstmals die Ursachen, Quellen und Inhalte des modernen Bildes, seine Entwicklung, geistige Botschaft und ethisch-moralische Kraft deutlich analysiert und formuliert.

Der Name der Gruppe leitete sich von einem Gemälde Kandinskys mit dem gleichen Namen ab, das einen Reiter darstellt, der durch eine Herbstlandschaft galoppiert. Dieses Motiv verwenden Marc und Kandinsky in Form eines Holzschnitts als Titel-Illustration für ihre Publikation. "Den Namen 'Der Blaue Reiter' erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf. Beide liebten wir Blau, Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst", schreibt Kandinsky und über die Farbe Blau, die diese Grafik dominiert, sagt er: "Je tiefer das Blau wird, desto tiefer ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem. Es ist die Farbe des Himmels."

Schon einige Jahre vor Gründung des "Blauen Reiters" entwickelten Kandinsky, Münter und Jawlensky eine Malerei, die nicht mehr dem Vorbild der Natur folgte, sondern den subjektiven Eindruck erfasste. Sie entwickelten eine auf Grundformen reduzierte, flächige Bildgestaltung, die auf alles Nebensächliche verzichtete. Auch die Stärke der Künstlervereinigung "Blauer Reiter" lag in den Farben und Formen, die nicht die Wirklichkeit wiedergaben, sondern flüchtige Eindrücke und Empfindungen. Bedacht waren die Künstler auf Farbharmonien und Formenanalyse, was sie letztlich zur Abstraktion tendieren ließ. Ziel war es, das Bild vom Gegenstand vollständig zu befreien. Während die Maler der "Brücke" noch am Gegenständlichen festhielten, sprachen die Maler des "Blauen Reiters" das innere Gefühlsleben an und versuchten, beim Betrachter geistige Prozesse in Gang zu bringen.

Einen wesentlichen Einfluss auf die Kunsttheorien des "Blauen Reiters" hatte das 1910 erschienene Buch Kandinskys "Über das Geistige in der Kunst". Die Formen und Farben der Gemälde sind nach Kandinsky Ausdruck der inneren, geistigen Welt des Künstlers. Beim Betrachter lösen die Farben und Formen emotionale und geistige Prozesse aus.

Kandinsky schreibt im Kapitel "Wirkung der Farbe": "Das Auge wird mehr und stärker von den helleren Farben angezogen und noch mehr und noch stärker von den helleren, wärmeren: Zinnoberrot zieht an und reizt, wie die Flamme, welche vom Menschen immer begierig angesehen wird. Das grelle Zitronengelb tut dem Auge nach längerer Zeit weh, wie dem Ohr eine hoch klingende Trompete. Das Auge wird unruhig, hält den Anblick nicht lange aus und sucht Vertiefung und Ruhe in Blau oder Grün."

1914 löste sich die Gemeinschaft auf. Kandinsky musste nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges nach Russland zurückkehren, Marc und Macke fielen im Krieg in Frankreich. Mit dem Ziel, das Bild vom Gegenstand zu befreien, schuf der "Blaue Reiter" die Grundlagen für die abstrakte Kunst. (an)