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22.04.2009

Beim "blauen Wunder" geht es nicht immer mit rechten Dingen zu

Mittelalterliche Lügengeschichten, Gauklertricks und Potenzpillen: Wie die über Jahrhunderte gängige Redensart entstanden ist, bleibt ungewiss

Sein "blaues Wunder" hat schon so mancher erlebt. Anlässe dafür gibt es heute reichlich: Steuerbescheide, Rechnungen für Autoreparaturen, Strafzettel oder das ach so günstige Überraschungshotel der letzten Urlaubsreise, um nur einige zu nennen. Ein Wunder sind diese Ereignisse gewisslich nicht, die Preisgestaltung bestenfalls wunderlich. Aber blau ist an ihnen jedenfalls nichts, so viel ist sicher. Dennoch findet der Begriff des "blauen Wunders" regen Gebrauch – und das schon seit vielen Jahrhunderten.

Wer sein 'blaues Wunder' erlebt, ist einer erschreckenden, unangenehmen Überraschung ausgesetzt. Früher hatte die Redewendung allerdings eine etwas andere Bedeutung. Foto: clarotta, Photocase.com
Foto: clarotta, Photocase.com

Der älteste Beleg für "blaue Wunder" stammt aus dem Jahr 1389: In einer mittelhochdeutschen Übersetzung der alttschechischen Chronik des Dalimil heißt es da: "Si machtin in zeu einem torn vnd snitin im ab dy orn. Hor noch ein wundir plab'. Si snitin im ouch dy nasin ab". Da wurden also die Feinde – gemeint sind die Deutschen –zu Toren gemacht und ihnen die Ohren abgeschnitten. Die Aussage, dass ihnen jedoch auch die Nasen abgeschnitten wurden, versieht der Übersetzer mit dem Hinweis an den Leser, es handele sich dabei um ein "Wunder blau". Gemeint ist damit eine Lügengeschichte. Der mittelhochdeutsche Übersetzer hielt offenbar nichts von den Berichten, nach denen der tschechische Herzog Soreslab seinen Soldaten eine Prämie dafür ausgesetzt haben soll, dass sie ihm den Schild voller deutscher Nasen bringen. Das schreibt die Sprachwissenschaftlerin Christiane Wanzeck in ihrer Promotionsarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Die Bezeichung "Wunder" leitet sich dabei ab von dem Begriff "Wundermär" und steht also für eine unglaubhafte und erfundene Geschichte. Unterstrichen wird dies noch durch das Adjektiv blau – doch warum gerade diese Farbe für das Erlogene, Erfundene steht, bleibt im Dunkeln. Noch heute redet man "ins Blaue hinein", sofern man nicht gar "das Blaue vom Himmel herunter lügt". Christiane Wanzeck vermutet einen Zusammenhang mit der "blauen Gans" – einem Fabelwesen, das in der Literatur der damaligen Zeit häufig verwendet wurde. Da es nun mal keine blauen Gänse gibt, taucht die blaue Gans überall da auf, wo Unmögliches geschieht.

Doch neben diesen ins Mittelalter zurückreichenden Erklärungen für das "blaue Wunder" gibt es noch eine ganze Reihe Deutungen des Begriffs, der sich seit Jahrhunderten im deutschen Sprachschatz hält. So nannten die Bergleute in den Schneeberger Gruben in Sachsen das um 1550 dort abgebaute Kobalt wegen seiner markanten Farbe "blaues Wunder". Auch heißt es, Gaukler hätten auf den Jahrmärkten bläulichen Rauch verwendet, um dem Publikum den klaren Blick auf ihre Taschenspielertricks zu vernebeln.

Viel zitiert wird der Begriff auch im Zusammenhang mit der Färberei. Gerade das Blaufärben von Stoffen war über Jahrhunderte besonders aufwendig. Ausgangspunkt war ein zunächst gelb erscheinender Farbstoff, der aus den Blättern des Färberwaid hergestellt wurde. Die damit gelb gefärbten Tücher wurden in die Luft gehängt. Durch Oxidation verwandelte sich das Gelb zunächst in Grün und schließlich in Blau. Von Chemie verstand vor mehreren Jahrhunderten noch niemand etwas, und so blieb diese Farbverwandlung ein "blaues Wunder". Beschleunigen konnten die Färber diesen Vorgang übrigens dadurch, dass sie mit Holzlatten auf das Textilgewebe einschlugen – es also "grün und blau schlugen".

Ihr "blaues Wunder" erlebten auch die Dresdner mit der 1893 erbauten Loschwitzer Brücke – eine Metallbrücke, die die Elbe ohne einen einzigen Pfeiler im Fluss in einem mehr als 250 Meter weiten Bogen überspannt. Schon das galt zur damaligen Zeit als Wunder der Ingenieurskunst. Der heute blaue Anstrich der Brücke soll zudem der Legende nach ursprünglich grün gewesen sein und sich erst unter dem Einfluss von Sonne und Wetter in Blau verwandelt haben. Wie dem auch sei: Noch heute wird die Brücke im Volksmund das "blaue Wunder" genannt.

Eine weitere, ganz moderne Interpretation des Begriffs findet sich in deutschen Schlafzimmern: Die bekannteste Pille zur Wiederherstellung abhanden gekommener Manneskraft hat nicht nur eine markante Rautenform, sondern ist zudem leuchtend blau. So manche(r) soll damit also ebenso ein "blaues Wunder" erlebt haben. (ud)