25.06.2014

Das Berliner Blau gilt als eine der ersten künstlich hergestellten Farben überhaupt

Es war der Beginn der Ära industriell hergestellter Farbpigmente: Als um 1706 der Berliner Chemiker Diesbach erstmals ein blaues Pigment herstellte und auf den Markt brachte, begann eine mehr als dreihundert Jahre währende Erfolgsgeschichte. Es war das erste Pigment, das nicht natürlich vorkam, sondern komplett auf chemischem Wege hergestellt wurde. Bekannt wurde es unter zahlreichen Namen, die gängigsten davon sind "Berliner Blau" und "Preußisch Blau".

Berliner Blau ist wegen seiner Brillanz bei Künstlern ein begehrtes Blaupigment. Foto: public domain
Berliner Blau. Foto: public domain

Das von Diesbach vor dreihundert Jahren angewandte Herstellungsverfahren mutet heute an, als sei es im Laboratorium eines mittelalterlichen Alchemisten entstanden: Ausgangsstoff waren Cochenille-Läuse, wie sie auch bei der Herstellung des legendären Campari-Rots verwendet wurden. Sie werden mit Alaun und Eisensulfat gekocht. Der blaue Farbstoff fällt schließlich aus, wenn eine Substanz namens „Dippels Tieröl“ hinzugefügt wird. Dieses ist nach dem Chemiker Johann Konrad Dippel benannt, der sich neben Diesbach mit der Herstellung von Farbstoffen befasste. Es wird aus einem Sud aus Knochen und anderen tierischen Bestandteilen hergestellt.

In den folgenden Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten wurden auch an vielen anderen Orten in Europa die Produktionsverfahren des Berliner Blaus immer wieder verändert und verbessert. Der dabei entstehende Farbstoff trägt je nach Produktionsort und -verfahren einen anderen Namen: So gibt es ein Antwerpener Blau, ein Delfter Blau, ein Pottascheblau, ein Pariser Blau. Namenspaten sind häufig jedoch auch die jeweiligen Erfinder oder Produktionsfirmen, wie etwa Vossenblau, Turnbulls Blau oder Miloriblau. Die unterschiedlichen Herstellungsverfahren führen auch zu feinen Unterschieden in der farblichen Anmutung des Pigments. So gibt es Farbstoffe mit einem leichten Rotstich, während andere einen Grünstich aufweisen.

Der chemische Name des Berliner Blaus lautet Eisen(III)-Hexacyanoferrat (II/III), woraus in Chemie Bewanderte sofort auf die Bestandteile schließen können: Eisen, Kohlenstoff und Stickstoff. Die letzten beiden Elemente sind dabei zum sogenannten Cyanid-Ion miteinander verbunden – wobei wir schon bei der potenziellen Giftigkeit des Pigments wären: Jeder in Krimis firme Leser kennt die Verbindung Zyankali, die sich aus Kalium und besagtem Ion zusammensetzt.

Das blaue Pigment gelangte auch nach Japan, wo der Künstler Katsushika Hokusai zwischen 1830 und 1832 den berühmten Farbholzschnitt "Die große Welle vor Kanagawa" schuf. Er ist Teil einer Serie von 36 Ansichten des Fujiyama, in der Hokusai die farblichen Möglichkeiten des Berliner Blaus voll ausschöpfte. Repro: public domain

Letzteres hat im Körper die fatale Wirkung, den Transport von Sauerstoff in die Zellen zu blockieren, was Zyankali zum tödlichen Gift macht. Anders beim Berliner Blau: Hier bleiben die Cyanidionen in der besonderen Struktur der Verbindung stabil eingebunden und können daher ihre fatale Wirkung nicht entfalten. Da es in Wasser so gut wie unlöslich ist, kann es vom Körper auch nicht aufgenommen werden. Mit anderen Worten: Berliner Blau ist praktisch ungiftig.

Bis heute wird Berliner Blau industriell herstellt, wobei die Hersteller natürlich längst chemische Verfahren entwickelt haben, die ohne Läuse oder obskure Tieröle auskommen. Geschätzt wird das Berliner Blau wegen seiner Brillanz, seiner hohen Farbstärke und seines guten Deckvermögens. Künstler verwenden es seit Jahrhunderten in Öl- oder Aquarellgemälden. Eingesetzt wird es jedoch auch als Druckfarbe und zum Einfärben von Kunststoffen. Für Wandbeschichtungen ist es jedoch nicht geeignet, da es sich im alkalischen Milieu schnell ins Bräunliche verfärbt. (ud)