19.10.2011

Blau ohne Wirkung

Hartnäckig hält sich die Legende, dass Fliegen blaue Oberflächen meiden

Spinat enthält besonders viel Eisen, der Schlaf vor Mitternacht ist am erholsamsten und an Vollmond ändert sich das Wetter: Solche Volksweisheiten sind weit verbreitet und sehr oft (wie übrigens die drei genannten) schlichtweg falsch. Das gilt auch für die weitverbreitete Ansicht, dass die Farbe Blau Fliegen abschrecke – eine Ansicht, die früher dazu beigetragen hat, dass Fensterrahmen, Stalltüren, Speisekammern und Küchen blau gestrichen wurden. Dabei wissen Insektenforscher heute: Blau ist eine Farbe, die von den Insekten sogar besonders gut wahrgenommen werden kann und bevorzugt angeflogen wird.

Die Facettenaugen von Fliegen unterscheiden sich nicht nur vom Aufbau her fundamental vom menschlichen Auge. Sie haben auch einen völlig anderen Empfindlichkeitsbereich. Foto: Muhammad Mahdi Karim, GNU-Lizenz
Fliege, Foto: Muhammad Mahdi Karim

Fliegen sind keine Menschen. So banal diese Aussage ist: Sie wird dennoch oft nicht bedacht, wenn es um einen Vergleich des Sehvermögens von Insekten und Menschen geht. Kategorien wie "rot", "grün" und "blau" gelten für den Menschen und seinen Sehapparat, nicht aber für Insekten. Während beim Menschen das Farbensehen bei Rot beginnt und beim Violett aufhört – das Grün liegt dabei ungefähr in der Mitte – ist der Wahrnehmungsbereich bei Fliegen weit in den ultravioletten Bereich hinein verschoben.

So liegt beim von den Insekten wahrnehmbaren Spektrum Blau in der Mitte, während sie beispielsweise Rot nur noch als dumpfen Grauton erkennen können. Auf der anderen, ultravioletten Seite des Spektrums können sie hingegen Muster wahrnehmen, die sich dem Menschen nicht erschließen. Eine Blüte beispielsweise, die für das menschliche Auge vollkommen weiß erscheint, kann für Bienen oder andere Insekten ein auffälliges Muster aufweisen.

Gerade im Mittelmeerraum werden Fensterrahmen und Türen häufig blau gestrichen. Foto: berliner7, Photocase.com
Santorin, Foto: berliner7

Ein blau gestrichener Fensterrahmen in einer roten Backsteinmauer wird daher von einer Fliege völlig anders wahrgenommen werden als von einem Menschen. Schon insofern ist es schwieriger, als es zunächst scheint, mit blauen Flächen das Verhalten der Insekten beeinflussen zu wollen. Doch viel schwerer wiegt jedoch die Erkenntnis von Insektenforschern, dass Blau als zentrale Farbe ihres sichtbaren Spektrums auf Insekten überhaupt gar nicht abschreckend wirkt – im Gegenteil: Versuche haben gezeigt, dass sich manche Insekten sogar bevorzugt auf blauen Flächen niederlassen.

Die Affinität zum Blau ist bei den als Blattschädlinge gefürchteten Fransenflüglern, auch Thripse genannt, sogar so groß, dass spezielle, blau gefärbte Tafeln zur Schädlingsbekämpfung auf dem Markt sind. Sie sind mit Kleber versehen und sollen die auf die Pflanzen anfliegenden Tiere abfangen, ehe sie Schaden anrichten können. Für gewöhnliche Stubenfliegen werden hingegen meist gelbe Klebestreifen verwendet – imprägniert mit süßlichen riechenden Lockstoffen.

Von einer abschreckenden Wirkung der Farbe Blau auf Insekten kann also keine Rede sein. Doch woher kommt nun dennoch die verbreitete Ansicht, das Blau könne vor den Plagegeistern schützen? Eine mögliche Erklärung ist, dass das Blau gerade durch seine optische Anziehungskraft vor den Insekten schützt: Wenn sich die Fliegen bei ihren Aufenthalten in Stall oder Küche statt auf Kühe oder Lebensmittel auf die blauen Oberflächen setzen, hat das Blau seinen Zweck ja schon erfüllt. (ud)