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26.09.2012

Blaue Melancholie

Warum das Wort "blue" im Englischen auch "traurig" bedeutet

Blau ist eine der beliebtesten Farben überhaupt und ist fast durchweg positiv besetzt. Umso verwunderlicher, dass im Englischen und Amerikanischen das Wort "blue" nicht nur "blau", sondern auch "traurig" bedeuten kann. "I am blue", heißt nicht etwa, dass jemand zu sehr dem Alkohol zugesprochen hat, sondern bedeutet schlichtweg: "Ich bin traurig." Die sprachgeschichtlichen Wurzeln dieses unerwarteten Zusammenhangs zwischen Farbe und Gefühl reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück.

Der englische Zeichner George Cruickshank zeichnete 1835 die Karikatur eines von kleinen "blue devils" Heimgesuchten – zu dieser Zeit hatte sich der Begriff der kleinen, blauen Dämonen schon längst etabliert. Repro: public domain
blue devils, Repro: public domain

Das Wort "blue" hat einer ganzen Musikrichtung ihren Namen gegeben: Der "Blues", der seit Ende des 19. Jahrhunderts zunächst in der schwarzen Bevölkerung der USA entstanden ist, handelt häufig von Melancholie und Trauer. Entgegen diesem Klischee gibt es übrigens durchaus auch Bluessongs und -texte mit Fröhlichkeit und Witz. Der Zusammenhang zwischen der Musik und dem Satz "I have the blues" – "ich habe den Blues" im Sinne von "ich bin traurig" – legt sogar die Spekulation nahe, die Redewendung sei erst nach der Musik entstanden und nicht umgekehrt.

Tatsächlich ist die Vermutung weit verbreitet, der Begriff "blues" sei im amerikanischen Slang des 19. Jahrhunderts entstanden. Doch die Verwendung des Begriffs "blue" im Sinne von "traurig" tauchte im Englischen bereits im 16. Jahrhundert auf, sagen Sprachforscher. Er müsste daher bereits in Europa und nicht erst in der Neuen Welt Eingang in den englischen Sprachschatz gefunden haben.

Für das Substantiv "blues" hingegen stammt der älteste bekannte Nachweis aus dem Jahr 1741. Zurückgeführt wird es auf den Begriff "blue devils". Was sich heute eher anhört wie der Name einer Eishockey- oder Basketball-Mannschaft (was es tatsächlich inzwischen ebenfalls ist), bezeichnete einst jene vermeintlichen Dämonen, die sich im Alkoholdelirium einstellen: Die Betroffenen halluzinierten dann, gepeinigt von den Entzugserscheinungen, und sahen kleine, blaue Geister. Warum diese jedoch ausgerechnet blau gewesen sein sollen, das erschließt sich heute nicht mehr.

Blau ist eigentlich eine positiv besetzte Farbe, doch sie steht im Englischen auch für Melancholie und Trauer. Foto: joexx, Photocase.com
Melancholie, Foto: joexx, Photocase.com

Wer bei den "blue devils" einen Zusammenhang mit der im Deutschen verbreiteten Redewendung vom "blau sein" im Sinne von "betrunken sein" vermutet, irrt: Dieser Begriff geht auf die Indigo-Färberei zurück, bei der die Färber häufig betrunken gewesen sein sollen – vorzugsweise am Montag, der denn auch als "Blauer Montag" in den deutschen Sprachschatz eingegangen ist.

Von den "blue devils" war zudem auch bei Menschen die Rede, die von Depressionen, Schwermut und Trauer geplagt waren. Und genau diese Bedeutung hat sich im Englischen und Amerikanischen durchgesetzt und bis heute gehalten. Inzwischen bezeichnet der "Blues" jedoch weniger einen Zustand krankhafter Schwermut, sondern vielmehr jene Melancholie, die oft nicht ohne bittere Süße daherkommt. Nicht umsonst wird gerade diese Stimmung in der Bluesmusik oft geradezu kultiviert.

Der Zusammenhang des Begriffs "blue" mit der Farbe Blau ist über die Jahrhunderte längst verloren gegangen. Genau diese Verbindung ist ein zentrales Thema einer der bekanntesten Nummern der Musikgeschichte: dem ursprünglich aus dem Jahre 1926 stammenden Song "Blue Skies" des amerikanischen Komponisten und Songwriters Irving Berlin. Hier heißt es "I was blue, just as blue as I could be – ich war traurig, so traurig ich auch immer sein kann". Doch dann kommt das Glück in Form der Liebe, und schon sieht das lyrische Ich des Erzählers nur noch "blue skies – blauen Himmel".  (ud)