26.03.2014

Blonde Erfolgsgeschichte

Der hellhäutige Menschentyp hat sich erst in den vergangenen fünf Jahrtausenden verbreitet

Helle Haut, blonde Haare, blaue Augen: Dieser Menschentyp trat in Europa erst im Lauf der vergangenen 5.000 Jahre in nennenswertem Maße auf den Plan. Bis dahin war der Durchschnitts-Europäer noch deutlich dunkler gewesen als heute, ehe die Evolution dem helleren Hauttyp schließlich geradezu im Eiltempo zum Durchbruch verhalf. Das haben Wissenschaftler unter Leitung von Forschern der Universität Mainz herausgefunden, als sie das Erbgut vier- bis sechstausend Jahre alter Skelette untersuchten.

Die Forscher nutzten für ihre Arbeit Skelette, die bei Ausgrabungen unter anderem in der heutigen Ukraine entdeckt wurden. Foto: Alla V. Nikolova
Skelett. Foto: Alla V. Nikolova

Der Ursprung der Menschheit liegt in Afrika, und die Haut der frühen Menschen war an das Klima auf diesem Kontinent angepasst: Eine stark pigmentierte, dunkle Haut schützte vor der Tropensonne mit ihrer ultravioletten Strahlung. Doch als der moderne Mensch vor etwa 50.000 Jahren begann, auch die nördliche Hemisphäre zu besiedeln, änderten sich die Anforderungen. Der Schutz vor der UV-Strahlung war hier nicht mehr so wichtig. Dennoch waren die modernen Menschen, die als Jäger und Sammler und später als sesshafte Bauern in den europäischen Steppen lebten, noch deutlich dunkler als heute.

Das zeigen die Proben der Wissenschaftler um Sandra Wilde von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz: Den Forschern war es gelungen, anhand von Knochenfunden das Erbgut von 63 Menschen zu analysieren, die vor 4.000 bis 6.500 Jahren in der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres, unter anderem in der heutigen Ukraine, gelebt hatten. Ihr Augenmerk richteten die Wissenschaftler dabei auf drei Gene, die eine Schlüsselrolle bei der Pigmentierung spielen.

Die Ergebnisse verglichen die Forscher mit Genanalysen heutiger Menschen aus dieser Region. In einer Computersimulation versuchten sie dann, die dahinter liegende genetische Entwicklung zu rekonstruieren. Demnach muss sich erst in den vergangenen 5.000 Jahren die Vielfalt in der Pigmentierung der menschlichen Haut geradezu explosionsartig entwickelt haben. So entstanden in – nach Maßstäben von Biologen – extrem kurzer Zeit die verschiedenen Haut-, Augen- und Haarfarben, wie sie bis heute in Europa vorkommen.

Die Blondine ist wohl eine sehr junge Erfindung der Evolution. Foto: ina.mija, Photocase.com
Foto: ina.mija, Photocase.com

Sehr wahrscheinlich war das Vitamin D eine treibende Kraft dieser Entwicklung: Das Vitamin bildet sich in der menschlichen Haut, wenn diese UV-Strahlung ausgesetzt ist. Dunkle Haut ist dabei weniger effizient als helle, weshalb hellhäutige Menschen hier einen evolutionären Vorteil haben. Zum Tragen kommt dieser Unterschied jedoch erst, wenn das Vitamin D nicht aus anderen Quellen zugeführt werden kann. Ein wichtiger Vitamin-Lieferant ist dabei Fisch, weshalb in den Jäger-und-Sammler-Kulturen Vitamin-D-Mangel kein Problem gewesen sein dürfte.

Auch die von den Forschern untersuchten vorgeschichtlichen Ukrainer aßen noch viel Fisch, obwohl sie längst sesshaft geworden waren und Landwirtschaft betrieben. Doch sobald sie den Fischkonsum reduzierten – zum Beispiel mangels Verfügbarkeit –, war tatsächlich eine hellere Haut von Vorteil, die auf diese Weise den Bedarf an Vitamin D decken konnte. Eine solche Ernährungsumstellung könnte daher ein Grund für die Entstehung hellerer Menschentypen gewesen sein.

Die hellere Haut war ja nur ein Teil der Entwicklung: Im Gegensatz dazu dürften braune oder blonde Haare und blaue Augen evolutionär für die Menschen keinen Vorteil gebracht haben. Die Forscher vermuten daher, dass diese Merkmale "als Signal von Gruppenzugehörigkeit gesehen wurden und sich somit auf die selektive Partnerwahl ausgewirkt haben", wie es Sandra Wilde formuliert.

Diese sogenannte sexuelle Selektion ist im Tierreich durchaus üblich und war vielleicht auch hier eine weitere treibende Kraft der Evolution. "Man darf diese wissenschaftlichen Befunde allerdings nicht so interpretieren, als sei alles, was selektiert ist, auch gut und ausschließlich vorteilhaft", erklärt dazu Professor Joachim Burger, Seniorautor der Studie. "Gerade die durch Partnerwahl hergebrachten Merkmale sind häufig kulturell geprägt und damit eher Geschmackssache denn Anpassung an die Umwelt." (ud)

 

Artikel zu ähnlichen Themen