Wir verwenden Cookies, um bestimmte Funktionen unserer Website zu ermöglichen und Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Wenn Sie auf unserer Website weitersurfen, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr Informationen hierzu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Ok

 

25.06.2008

Blüne Perlen

Ketten mit grünem Malachit als Schmucksteine gibt es erst seit Einführung der Landwirtschaft, sagen Forscher. Foto: Catarina Carvalho, wikipedia.de

Die Farben Blau und Grün haben schon seit Jahrtausenden rituelle Bedeutung – wenn auch manche Kulturen keinen Unterschied zwischen ihnen machen

Grün ist aus unserer Sprache nicht wegzudenken: Jemand kann "Grün vor Neid" sein oder "Grün hinter den Ohren". Grün ist die Farbe der Hoffnung und des Frühlings. Blau symbolisiert dagegen die Weite des Himmels. Beide Farben haben rituelle Bedeutung – doch der Wert von Grün kam erst mit der Sesshaftwerdung des Menschen und der Entwicklung der Landwirtschaft. Auf der Welt gibt es jedoch auch Kulturen, die zwischen diesen beiden Farben nicht unterscheiden – Wissenschaftler bezeichnen diese Kulturen als "blün".

Das Kunstwort, gebildet aus den Worten "blau" und "grün", kennzeichnet Sprachen und Kulturen, die nur eine Bezeichnung für beide Farben verwenden. Diese Eigenheit ist vor allem in tropischen Gebieten verbreitet. Für einen Angehörigen des Volkes der Berinmo in Papua-Neuguinea etwa ist die Unterscheidung zwischen Blau und Grün, wie sie ein Europäer treffen würde, nicht einleuchtend. Stattdessen verwenden sie für beide Farben nur ein Wort – "Nol". Die Psychologin Debi Roberson von der Universität in Essex hat dies zusammen mit Kollegen experimentell bestätigt.

Woher dieses veränderte Farbwahrnehmung rührt, ist noch nicht endgültig geklärt. Wissenschaftler gehen aber davon aus, dass die Sonneneinstrahlung in tropischen Gebieten damit zu tun hat. Durch die höhere Intensität der Sonne in diesen Regionen altert das menschliche Auge schneller, haben Forschungen ergeben. Dieser Prozess führt unter anderem zu einer verringerten Fähigkeit, die Farbe Blau wahrzunehmen.

Wie sehr die Wahrnehmung von Farben von der Umgebung bedingt ist, zeigt auch die Arbeit der Archäologin Daniella Bar-Yosef Mayer. Anhand von steinernen Perlen untersucht die Wissenschaftlerin von der Universität im israelischen Haifa, wie sich die Bedeutung von Farben im Laufe der Geschichte verändert hat. Kleine Steinperlen dienen Menschen schon seit Urzeiten als Glücksbringer und Amulette. Archäologen fanden bereits steinerne Perlen aus der Zeit, als die meisten Menschen noch als Jäger und Sammler lebten.

Was dabei allerdings auffällt, ist das Fehlen der Farbe Grün: Jäger und Sammler hatten rote, weiße, gelbe, schwarze oder braune Steinperlen, aber so gut wie nie finden sich grüne Perlen. Das änderte sich schlagartig mit der Sesshaftwerdung des Menschen. Mit dem Beginn der Landwirtschaft erhielt Grün, die Farbe von wachsendem Getreide und Vorbote reicher Ernte, eine ganz neue Bedeutung
Vor allem im Nahen Osten, der Wiege der modernen Landwirtschaft, fanden grüne Steinperlen schnell Verbreitung. Um an die begehrten Perlen zu kommen, mussten die steinzeitlichen Menschen dabei weite Strecken zurücklegen. Das schließt Bar-Yosef Mayer aus den Mineralien, aus denen die Steinperlen bestehen. Vor allem seltene grüne Minerale wie Malachit oder Türkis wurden über weite Strecken gehandelt.

Verwendung fanden diese Steinperlen als Amulette zur Abwehr des so genannten "bösen Auges", glaubt die Forscherin. Die ersten Bauern versuchten so, schädliche Einflüsse von ihrer Ernte fernzuhalten. Gleichzeitig sollten die Perlen auch die Menschen selbst beschützen – ein Glaube, der sich in der Region bis heute gehalten hat.

So werden in ländlichen Teilen der Türkei und Jordaniens Amulette aus Steinperlen auch heute noch benutzt, um sich gegen das böse Auge zu wappnen. Statt grünen Steinen werden heute allerdings vor allem blaue Steine verwendet. Für die Archäologin ist das aber kein Widerspruch: Neben den bereits erwähnten Berinmo, die noch heute in Papua-Neuguinea leben, machten beispielsweise auch die alten Ägypter keinen Unterschied zwischen grünen und blauen Perlen. Kleopatra war möglicherweise also auch schon blün. (zen)