06.08.2014

Brandung in Blau und Grün

Wie das Meeresleuchten seit Jahrhunderten die Menschen begeistert

So mancher Sylt-Urlauber traute in jenen Tagen im Frühsommer 2014 seinen Augen nicht: Spät am Abend, als es dunkel geworden war über der Insel, leuchtete die Meeresbrandung auf einmal blau auf. Jede Welle, die an den Strand schlug, verbreitete einen bläulichen, manchmal auch ins Grünliche gehenden Lichtschein. Meeresleuchten heißt das Phänomen im Volksmund. In diesem Frühsommer war es so stark ausgeprägt, dass sogar die Lokalzeitung auf der Insel darüber berichtete. Dabei ist die Leuchterscheinung keineswegs selten – nicht nur an der Nordsee.

Das Meeresleuchten kann in klaren Nächten sogar auf größere Entfernungen zu erkennen sein. Foto: Mike, CC-Lizenz
Meeresleuchten. Foto: Mike, CC-Lizenz

Die vielen Millionen Leser des Kinderbuchs "Jim Knopf" kennen das Phänomen und die spannende Erklärung, die der Autor Michael Ende in seiner schier grenzenlosen Fantasie ersonnen hat: Das Leuchten bezieht demnach seine Energie von dem geheimnisvollen Gurumusch-Magneten und spendet den am Meeresgrund lebenden Meerfrauen und -männern Licht für ihre nächtlichen Feste, heißt es in dem Kinderbuch-Klassiker.

In Wirklichkeit sind natürlich keine Magneten im Spiel, wenn das Meer zu leuchten beginnt, sondern winzige, einzellige Lebewesen. Sie tragen fast schon poetisch klingende lateinische Gattungsnamen wie Noctiluca oder Pyrocystis. Im Deutschen tönen ihre Namen allerdings eher martialisch – "Panzergeißel-Algen" ist einer von ihnen.

Die etwa 0,2 Millimeter großen und damit gerade noch mit bloßem Auge sichtbaren Algen haben die besondere Fähigkeit der Biolumineszenz entwickelt: In ihnen laufen chemische Reaktionen ab, die zur Aussendung von Licht führen. Das Licht entsteht dabei nicht etwa wie bei einer Glühlampe durch die Aufheizung des Materials, sondern es handelt sich um ein kaltes Licht, bei dessen Produktion so gut wie keine Wärme freigesetzt wird. Die chemischen Reaktionen, die dabei ablaufen, sind sehr kompliziert und im Detail noch nicht restlos erforscht. Kern ist die Reaktion einer Substanz namens Tetrapyrrol mit Sauerstoff. Die Lichtfarbe bewegt sich meist zwischen Blau und Grün.

In Gang gesetzt wird die Reaktion durch einen äußeren Reiz: Das kann die Durchwirbelung des Wassers in der Meeresbrandung sein, die Hand eines Menschen, die sich schnell durch das Wasser bewegt oder aber die Abdrücke, die jemand im feuchten Sand eines Strandes hinterlässt. Manchmal ist die Energie, die von den Einzellern ausgeht, als leichtes Prickeln an der Hand sogar zu spüren, berichtet der niederländische Naturforscher Marcel Minnaert in seinem erstmals 1937 erschienenen Buch "Licht und Farbe in der Natur".

Mit jeder Welle setzt die Leuchtreaktion bei den Einzellern von Neuem ein. Foto: Mike, CC-Lizenz
Blaue Brandung. Foto: Mike, CC-Lizenz

Er empfiehlt als ungewöhnliches Experiment, einen Eimer mit Meerwasser in ein dunkles Zimmer mitzunehmen und daraus immer wieder ein Glas voll zu schöpfen. Die Einzeller sammeln sich dann an der Oberfläche und nun kann versucht werden, sie zum Leuchten anzuregen. Das kann bereits durch Anstoßen des Glases gelingen oder aber, wenn die Einzeller durch einige Tropfen Alkohol oder Säure gereizt werden.

Vorhersagen lässt sich oft nur mit viel Erfahrung, ob und wann das Phänomen auftritt. Am häufigsten ist es in windstillen, schwül-warmen Nächten. Welchen Nutzen die Algen von ihrem Licht haben, bleibt bisher im Dunklen: Auffallend ist, wie gut synchronisiert das Leuchten in den Algenkolonien ist, was darauf hindeuten könnte, dass das Licht eine kommunikative Funktion hat.  

Wie dem auch sei: Von jeher hat das Meeresleuchten die Menschen fasziniert, ob an den Küsten der Welt oder auch auf hoher See. Nicht nur bei Michael Ende, sondern bei vielen anderen Dichtern hat diese Faszination Spuren hinterlassen, so auch bei dem deutschen Dramatiker Friedrich Hebbel. Er führt das Phänomen in seinem Gedicht "Meeresleuchten" auf die Venus zurück: Die Göttin lässt er zu Beginn des Gedichtes aus den Fluten steigen, bis es ganz am Ende schließlich heißt: "Lächelnd gönnte sie dem feuchten Element den letzten Blick, Davon blieb dem Meer sein Leuchten Bis auf diesen Tag zurück." (ud)