20.08.2014

Bunte Antwort auf das Diktat des guten Geschmacks

Die italienische Gruppe Memphis schockierte Anfang der 1980er-Jahre die Designerszene

Sie waren bunt, sie waren schrill, sie waren betont naiv, zitierten aus Filmen und Comics und scherten sich nicht um das, was bisher als Kitsch oder schlechter Geschmack gegolten hatte: Die italienische Designergruppe Memphis spaltete mit ihren eigenwilligen Entwürfen Anfang der 1980er-Jahre die internationale Szene – wer sie nicht verehrte, lehnte sie völlig ab. Dazwischen gab es nichts. Mit ihren Schockfarben für Lampen, Möbel und andere Einrichtungsgegenstände schrieb Memphis Designgeschichte.

Wilde Kombinationen knalliger Farben, Muster und Formen sind die augenfälligsten Elemente des Memphis Designs. Foto: Dennis ZanoneCC-Lizenz
Memphis Design. Foto: Dennis Zanone, CC-Lizenz

Es war der 11. Dezember 1980, als der italienische Designer Ettore Sottsass ein gutes halbes Dutzend Designer in Mailand zu einem Treffen zusammenrief. Sottsass, damals 63 Jahre alt, war unter anderem mit seinen Entwürfen für den italienischen Büromaschinenhersteller Olivetti weltbekannt geworden. Die meisten seiner Kollegen hingegen hatten ihre berufliche Karriere noch vor sich.

Sottsass hatte die Idee, etwas ganz Neues zu schaffen – ein Design, das als eine Art emotionaler Gegenentwurf gelten konnte zu dem nüchternen, von der Funktion geprägten Gestaltungsstil der 1970er-Jahre. Ein Design, das fantasie- und lustvoll mit Konventionen brach und schlichtweg Spaß machen sollte. Die Entwürfe sollten unter anderem in eine Möbelkollektion einfließen, die ein alter Freund von Sottsass herstellen und vertreiben sollte.

Während des Treffens lief auf Sottsass‘ Plattenspieler eine Platte von Bob Dylan. "Stuck inside of Mobile with the Memphis Blues Again", hieß einer der Songs, was soviel heißt wie: "Wieder steckengeblieben in Mobile mit dem Memphis Blues", wobei Mobile eine Stadt im US-Bundesstaat Alabama ist und der Memphis Blues eine Richtung des Blues, die als Vorstufe des Rock'n'Roll gilt.

Ausgerechnet bei der Liedzeile "Memphis Blues Again" – so zumindest geht die Legende – soll die Platte hängen geblieben sein. Das brachte Sottsass auf die Idee, dass Memphis ein guter Name für ihre Gruppe und die von ihr vertretenen Designgrundsätze sein könnte. Denn die beiden berühmten Städte mit dem Namen Memphis verbanden antike Hochkultur mit neuzeitlichem Pop: die uralte, seit Jahrtausenden versunkene Hauptstadt des Ägyptischen Reichs und die Geburtsstadt von Elvis Presley. So nannten sich die Designer Memphis.

Zum ersten Mal präsentierte Memphis ihre Entwürfe im Herbst 1981 auf einer Möbelmesse in Mailand. Die augenfälligsten Elemente dabei waren geometrische Figuren wie Kegel, Kugeln, Röhren und Quader – und vor allem die Farbe: Knalliges Pink, leuchtendes Rot, sattes Grün, intensives Gelb, kräftiges Blau – und das alles so manches Mal in einem Objekt vereint. Hinzu kamen Oberflächen im Glitzerlook, Leoparden- oder Giraffenmuster und Materialien wie Glas, Kunststoff und verzinktes Metall.

Objekte im Memphis Design sind heute vor allem noch in Museen zu finden – oder in Form billiger Imitate. Foto: Dennis Zanone, CC-Lizenz
Memphis Design. Foto: Dennis Zanone, CC-Lizenz

Diese wilden Kombinationen von Materialien, Formen, Farben, von Zitaten aus der Pop-Art der 1970er oder von Designideen der 1950er-Jahre schockierte und provozierte die Besucher der Mailänder Messe. Und genau so war es gedacht. Sottsass und seine Kollegen wollten weg vom Funktionalismus der früheren Jahrzehnte und ein sinnliches und lustvolles Design kreieren – "für das Leben, nicht für die Ewigkeit", erklärte Sottsass. Die in dieser Zeit längst allgegenwärtige Konsumwelt sollte auch im Design ihren Niederschlag finden.

So groß die Ablehnung des Memphis Designs bei vielen etablierten Designern war, so groß war die Begeisterung gerade aber nicht nur bei jungen Gestaltern. "Liebe auf den ersten Blick" sei seine erste Begegnung mit Memphis gewesen, erklärte etwa der Modeschöpfer Karl Lagerfeld, der seine Wohnung in Monaco mit Objekten aus der Kollektion einrichten ließ.

Mit der ersten Präsentation in Mailand wurde Memphis schnell zum Medienereignis: Hochglanzmagazine in der ganzen Welt druckten Fotos, Ausstellungen in London, Los Angeles, Tokio und anderen Städten der Welt folgten. Der wirkliche Einfluss des Memphis Designs blieb gemessen an diesem Medienhype gering. Und die Begeisterung rief natürlich so manchen Trittbrettfahrer auf den Plan, der mit billigen Design-Imitaten auf den Markt drängte. Desillusioniert von diesen Entwicklungen verließ Sottsass 1985 die Gruppe und wandte sich wieder eigenen Projekten zu. Drei Jahre später löste sich Memphis ganz auf.
 
Welchen Einfluss der Impuls heute noch hat, den die Mailänder vor mehr als dreißig Jahren der Designwelt zweifellos verliehen haben, darüber lässt sich nur spekulieren. Memphis ist heute vor allem Geschichte. Wer die spektakulären Entwürfe der Gruppe sehen möchte, findet diese in den Designmuseen der Welt. (ud)