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11.12.2013

Das blau-weiße Jahrzehnt

Letzter Teil der FARBIMPULSE-Serie über die Geschichte der Wohnfarben in Deutschland: die 1990er-Jahre

Blaue Sessel, blaue Fliesen, blaue Vorhänge: Zu keiner Zeit war die Farbe Blau so gefragt wie in den 1990er-Jahren. Selbst an der Fassade war Blau ein vielfach eingesetzter Ton, bis hin zum extremen Ultramarin. Doch warum ausgerechnet Blau? Diese Frage lässt sich ebenso wenig beantworten wie die Frage nach dem Ursprung anderer Modefarben anderer Jahrzehnte. Offenbar passte Blau am besten zum damaligen Zeitgeist.

Blau war die gängigste Modefarbe der 1990er-Jahre. Mit furnierten Holzmöbeln begann auch ein Trend, aus dem sich der bis heute beliebte Landhausstil entwickelte. Foto: www.teenage-wasteland.de
90er-Jahre. Foto: www.teenage-wasteland.de

Farblich hatten die 1980er-Jahre für die Menschen im Westen Deutschlands eher fade geendet: Weiße Raufasertapeten an den Wänden und im Extremfall ein Sofa in Flieder oder Violett – viel mehr Farbe war nicht in der typischen Wohnung. In der Mode allerdings war man ins andere Extrem verfallen: Neon und Pink waren hier gefragte Farbtöne. An dieser farblichen Langeweile änderten auch die ungeheuren weltpolitischen Umbrüche und das dadurch veränderte Lebensgefühl zu Beginn der 1990er-Jahre nichts. Die Sofalandschaften waren weiterhin gewaltig und die mit Kunststofffurnier überzogenen Wohnwände nach wie vor groß.

Aber allmählich entstand schließlich doch ein neuer Trend, der sich sogar bis heute gehalten hat: Der Landhausstil etablierte sich als beliebter, freilich nicht allgegenwärtiger Einrichtungsstil. Begonnen hatte alles mit Einbaumöbeln, die – sofern hochwertiger hergestellt – mit Buchenfurnier überzogen waren. Für die Billigproduktion blieb immer noch das günstige Pseudofurnier aus Kunststoff. Weiche Kanten und helle Holzfarbtöne prägten das Erscheinungsbild dieser Möbel.

Weiß ist bis heute eine zentrale Möbelfarbe für den Landhausstil. Auch die Wände sind in sehr dezenten Farbtönen gehalten. Foto: barsik / 123RF Stock Foto
Weiß ist bis heute eine zentrale Möbelfarbe für den Landhausstil. Auch die Wände sind in sehr dezenten Farbtönen gehalten.  Foto: barsik / 123RF Stock Foto

Und bald entdeckten immer mehr Menschen den Wert alter Möbel wieder, die seit Jahrzehnten in Kellern, Scheunen und auf Dachböden ein staubiges Dasein gefristet hatten: Bauernschränke, Büffets, Tische und Stühle aus längst vergangenen Zeiten. Sie waren aus Massivholz gefertigt und ließen sich oft mit nur geringem Aufwand wieder wohnzimmertauglich herrichten. Die große Zeit der Antikhändler begann, die solche alten Stücke oft für wenig Geld verkauften. Doch auch die Möbelindustrie reagierte auf den Trend und begann mit der Produktion entsprechender Möbel. Gefertigt meist aus geöltem und gewachstem Nadelholz, waren diese sogenannten Landhausmöbel manchmal erst auf den zweiten Blick von antiken Erbstücken zu unterscheiden.

So entstand der Landhausstil, der neben den natürlichen Farbtönen hellen Holzes vor allem von zwei Farben geprägt wird: Weiß und Blau. Die Holzmöbel in der Küche waren weiß lackiert – dazu gab es blaue Fliesen an den Wänden oder blaue Vorhänge. Auch bei den Polstermöbeln in den Wohnzimmern dominierten Weiß oder sanfte Beigetöne. Kombiniert wurden diese häufig mit blauen Teppichen oder es wurden sonstige Akzente in Blau gesetzt. Beliebt waren auch zarte Grüntöne oder einzelne Elemente in Schwarz.

Kurzzeitig waren in den 1990er-Jahren auch Norwegerpullover – in allen Farben – in Mode. Foto: klikk / 123RF Stock Foto
Norwegerpullover, Foto: klikk / 123RF Stock Foto

Auch jenseits des Landhausstils erfreute sich Blau einer zunehmenden Beliebtheit: Architekten und Farbgestalter setzten den Farbton auch gerne als farbiges Gestaltungselement an Fassaden ein. Auch in der Mode war Blau eine wichtige Farbe. Der sogenannte Marinestil war – zumindest kurzfristig – weit verbreitet: blau-weiße Streifen auf Jacken, Blusen, Kleidern und sogar Schuhen. Ansonsten wurde die Mode von zahlreichen, teils parallel verlaufenden Trends geprägt: Je nach Einstellung trugen manche Männer ganz Schwarz – beliebt waren besonders schwarze Jeanshosen. Überhaupt war die Jeans auch in Kombination mit Turnschuhen salonfähig geworden und konnte auch zu offizielleren Anlässen getragen werden.

Ein Modephänomen der 1990er ist auch der Norwegerpullover: Das Kleidungsstück mit den farbigen Zickzack-, Rauten- und Schneeflockenmustern hatte bereits in den 1980er-Jahren als ein Markenzeichen der grünalternativen Bewegung seine Karriere begonnen und setzte diese nun auch jenseits der grünen Milieus fort. Farblich gab es hier keine eindeutigen Trends – von Schwarz-Weiß-Mustern über Rot, Braun, Blau und Grün waren hier viele Farben vertreten.

Möbel aus Naturholz, ein wenig Blau und Weiß als Trendfarben: Im Rückblick sind die 1990er-Jahre – was die Farbgestaltung angeht – ähnlich unspektakulär wie die 1980er. Einen gewagteren Umgang mit Farbe gab es erst im neuen Jahrtausend mit der vielfach einsetzenden Rückbesinnung auf den Minimalismus der 1920er-Jahre. Damit einher ging vielfach auch ein plakativer Umgang mit Farbe. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. (ud)