02.03.2011

Der "Maler der Farben"

Der Renaissancekünstler Tizian ist bis heute für seine ausgeprägte Farbigkeit berühmt

Der Begriff "Tizianrot", hinter dem sich ein rötlich-brauner Farbton verbirgt, ist heute geläufig. Doch wer hat ihn geprägt? Dahinter steckt ein Künstler, der im 16. Jahrhundert in Norditalien tätig war. Sein Werk zeichnet sich durch seine Farbigkeit aus, die anfangs kontrastreich und leuchtend, später dunkel und brauntonig ist, aber immer zur Bildaussage beiträgt. Die Rede ist von dem italienischen Renaissancekünstler Tizian – auch bekannt als der "Maler der Farben".

Die intensive Farbigkeit im Werk von Tizian ist berühmt, wie hier in einer zwischen 1520 und 1523 entstandenen Darstellung von Bacchus und Ariadne. Repro: public domain
Tizian: Bacchus und Ariadne, Repro: Public Domain

Zinnober- und Karmesinrot, Magenta, Rosa, Bordeaux, Blau, Grün, Orange, Violett, Weiß und Gold: In vielfältigen, leuchtenden Farben dargestellt, agieren die mythologischen Figuren Bacchus und Ariadne. Von Ocker bis Schlammbraun mit wenig Farbakzenten: In der Komposition, die Christus‘ Dornenkrönung zeigt, dominieren dunkle und dumpfe Töne. Beide Gemälde stammen von Tizian, dessen Farbpalette im Laufe seiner etwa 80-jährigen Schaffenszeit von einem großen Wandel geprägt war.

Tiziano Vecellio wurde im Norden des venezianischen Staatsgebietes um 1477 oder um 1488 geboren. Sein Geburtsdatum ist umstritten und lässt sich nur indirekt aus Quellenangaben erschließen. Als Neunjähriger kam er in Venedig in die Lehre des Mosaizisten Sebastiano Zuccato. Später wechselte er in das Atelier des berühmten Malers Giovanni Bellini. Seine künstlerische Entwicklung begann jedoch mit einer starken Beeinflussung durch den bedeutenden venezianischer Maler Giorgione, dessen Werke von Vielfarbigkeit geprägt sind.

Wissenschaftler unterteilen sein Werk in vier Schaffensphasen: Am Ende seiner ersten und zu Beginn seiner zweiten Schaffensphase entstand zwischen 1516 und 1518 sein berühmtes Altarbild "Himmelfahrt Maria". Es zeichnet sich durch eine strahlende, leuchtende und nuancenreiche Farbgebung sowie den starken Gegensatz von Hell und Dunkel und eine ausgeprägte, fast dramatische Bewegtheit aus. Diesen Stil vervollkommnete er in den nächsten Jahren. Die Auswahl an Farben hing zu dieser Zeit auch von der Verfügbarkeit ab. Tizian hatte in Venedig den Vorteil, dass ihm durch den regen Fernhandel auch seltene Farbstoffe zur Verfügung standen, darunter beispielsweise der blaue Lapislazuli. 

In seiner dritten Schaffensphase von etwa 1530 bis 1550 trat Tizian besonders als Bildnismaler hervor und zählte auch sonst zu den bekanntesten und vornehmsten Adressen in der zeitgenössischen Malerei. Er begann seine Tätigkeit für Karl V. und den Kaiserhof, dann für den Hof von Urbino und schließlich für den Habsburger Philipp II. Mit diesen Auftraggebern erlangte das Porträt in seinem Gesamtwerk eine ebenso hohe Bedeutung wie die Werke mit religiösen und mythologischen Themen, denen er sich bisher gewidmet hatte. Beherrschten vorher farbliche Schwerpunkte und Kontraste das Sujet, waren seine Gemälde nun von einer harmonischen Farbgebung mit vielfältigen, subtilen Nuancierungen und einem hohen Detailvorkommen geprägt. Es entwickelte sich sein Ruf als überragender Kolorist.

Die um 1570 entstandene "Dornenkrönung" zählt zum Spätwerk Tizians. Repro: public domain
Tizian: Dornenkrönung, Repro: public domain

In seiner vierten Schaffensphase, ab den 1550ern bis zu seinem Tod durch die Pest 1576, wendete sich Tizian wieder den großen Kompositionen zu, die sich vor allem durch die Anwendung von Licht-Schatten-Gegensätzen auszeichnen. Von der leuchtenden Farbgebung der frühen Arbeiten ist nichts geblieben, die Gemälde sind oft in einem dumpfen Braunton gehalten und einzig durch eine kleine Lichtquelle erhellt.

In seiner Spätzeit pflegte Tizian einen besonderen Umgang mit der Farbe: Er verwendete sie nicht zum Füllen von vorher festgelegten Umrissen, sondern er gestaltete mit Farbe, und die Umrisse entstanden als Ergebnis ihres Auftrags. Da Ölfarbe nur langsam trocknet, konnte Tizian während des Malvorgangs seine Komposition und Farben korrigieren oder erst entwickeln. Auch nach dem Trocknen kann die Farbe jederzeit abgekratzt und übermalt werden. Berichtet wird, wie Tizian nicht nur mit kräftigen Pinselstrichen die Farbe pastos und dickflüssig auftrug, sondern auch mit den Händen nachhalf. Diese wie hingeworfen aussehende Pinselschrift lässt seine Werke erst aus einer gewissen Distanz gut erkennbar werden. Konturen lösen sich auf, Licht und Farbe bestimmen die Bildform. Tizian nahm damit die Gestaltungsmittel moderner Malerei vorweg.

Es gibt mehrere Zeugnisse von Zeitgenossen, die diese besondere Malweise dem hohen Alter des Malers zuschreiben, denn als Tizian starb, war er etwa Ende achtzig. Er sehe nicht mehr gut und seine Hände zitterten, lauten die Diagnosen. Doch es gab auch andere, die seine späten Werke schätzten, unter ihnen jüngere Kollegen, die ihm in seiner Malerei zu folgen suchten wie Tintoretto, Bassano, Veronese und El Greco. Diese Tendenz setzt sich mit Velazquez, Rubens und Rembrandt im 17. Jahrhundert fort und findet auch mit den Malern Watteau, Turner, Géricault, Delacroix des 18. und 19. Jahrhunderts sowie den Expressionisten im 20. Jahrhundert ihre Nachahmung.

 Übrigens inspirierte den Maler das gefärbte Haar der Kurtisanen Venedigs, die ihm Modell standen. Daraus entwickelte sich der Begriff "Tizianrot". (an)