14.08.2013

Der Mann, der Farben hört

Der britische Künstler Neil Harbisson nimmt Farbtöne nur mit einem elektronischen Auge wahr

Wer Neil Harbisson begegnet, denkt zunächst an einen Scherz: Der 31-jährige Musiker, Maler und Performancekünstler trägt eine Art gebogene Antenne, die vom Hinterkopf bis vor die Stirn reicht. Sie enthält ein elektronisches Auge, das es dem ansonsten völlig farbenblinden Mann ermöglicht, Farben zu hören. Jede Farbe erzeugt dabei einen eigenen Ton, dessen Schwingung auf den Schädelknochen übertragen wird. Harbisson ist ein Cyborg – ein Mensch, für den eine Maschine zum festen Bestandteil seines Körpers geworden ist.

Neil Harbisson wurde von Spaßvögeln auch schon als "Marsmensch" tituliert: Ohne seinen Eyeborg ist er nie anzutreffen. Foto: public domain

Seit 2004 trägt Harbisson nahezu ununterbrochen seinen "Eyeborg", wie das von dem Künstler gemeinsam mit Ingenieurwissenschaftlern und Softwarespezialisten entwickelte Gerät heißt. Selbst im Bett und unter der Dusche legt er das Bauteil nicht ab. Seine Verbindung zu dem Eyeborg geht sogar so weit, dass er bei den britischen Behörden nach langen Verhandlungen durchgesetzt hat, dass er sich für sein Passfoto mit dem Gerät auf dem Kopf ablichten lassen durfte.

Nach mehreren Überarbeitungen kann der Eyeborg nun insgesamt 360 Farbtöne unterscheiden und diese Information in Form von Tönen weitergeben. Das Tonspektrum umfasst dabei eine Oktave, die zwölf Halbtöne der chromatischen Tonleiter stehen jeweils für markante Farben wie Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau oder Magenta. Die Lautstärke des Tons hängt dabei von der Farbsättigung ab.

Für Harbisson ist der Eyeborg die einzige Möglichkeit, Farben wahrzunehmen: Von Geburt an sieht er aufgrund einer Fehlbildung der lichtempfindlichen Zellen im Auge die Welt nur in Grautönen. Das hat ihn nicht davon abgehalten, sich bereits als Jugendlicher mit bildender Kunst zu beschäftigen: Mit 16 Jahren besuchte er das private Kunstinstitut Alexandre Satorras in Katalonien und verwendete in seinen Bildern nur Schwarz, Weiß sowie Grautöne. Später studierte er in England Musik und Komposition.

Der entscheidende Wendepunkt in seinem Leben war die Entwicklung des Eyeborg. Die Vielfalt an Eindrücken, die er produzierte, sei anfangs schockierend für ihn gewesen, berichtet er. "Doch nach fünf Wochen verschwanden die Kopfschmerzen und es wurde normal", erklärt der Künstler in einem Interview mit dem britischen Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Der Eyeborg wurde zu einem siebten Sinn und verankerte sich so tief in seiner Wahrnehmungswelt, dass Farbe und Töne für Harbisson heute untrennbar miteinander verknüpft sind.

Die Welt der Farbe war Neil Harbisson lange verschlossen. Erst sein Eyeborg hat ihm eine Vorstellung eröffnet, was Farbe für die Wahrnehmung bedeutet. Foto: Flügelfrei, Photocase.com
Farbkasten, Foto: Flügelfrei, Photocase.com

Diese Verknüpfung ist so eng, dass Harbisson inzwischen nicht nur Farbe mit Musik, sondern auch umgekehrt Musik und Sprache mit Farben verbindet. Mozart und Bach seien gelb, erklärt er beispielsweise, während bei Beethoven die Blautöne dominieren, Rachmaninow ist dagegen rot und blau.

Seine Fähigkeiten als Cyborg setzt Harbisson erfolgreich in Kunstprojekten und Liveperformances ein, die er seit einigen Jahren in vielen Städten Europas und auf dem amerikanischen Kontinent inszeniert. Dazu gehören sogenannte Farbkonzerte, bei denen er beispielsweise die Gesichter einzelner Zuhörer vertont, indem er diese mit seinem Eyeborg abtastet und die sonst nur für ihn wahrnehmbaren Töne für das gesamte Publikum hörbar macht. So hat er auch bereits zahlreiche Prominente portraitiert, darunter den Schauspieler Leonardo DiCaprio, den Filmemacher Woody Allen, den ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore und selbst Prinz Charles.

Doch auch die Umsetzung von Musik und Tönen in Farbe ist Thema seiner Kunst: So hat er bekannte Musikstücke in Farben übersetzt, oder er gibt die Eindrücke einer Stadt in markanten Farben wieder. Als Synästhetiker sieht Harbisson sich trotz der engen Verknüpfung zwischen Farbe und Tönen nicht: "Synästhetiker sehen Farben, ich nicht". Er kann zwar sagen, dass eine Blume gelb ist, doch gesehen hat er diese Farbe noch nie. Sie erzeugt in seinem Kopf nach wie vor nur einen akustischen Sinnesreiz. Doch er kann das Gelb der Blume auf diese Weise in Beziehung zu allen anderen gelben Dingen stellen, die er zuvor gesehen hat. (ud)