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18.12.2013

Der Mann, der sich unsichtbar malt

Wie der chinesische Künstler Liu Bolin seinen Körper mit Farbe verschwinden lässt

Auf den ersten Blick sieht es aus, als zeige das Foto nur ein gewöhnliches Graffito an einer weißen Backsteinmauer. Nur wer genau hinschaut, erkennt das menschliche Gesicht in dem Schriftzug – und dann offenbart sich, was das Foto wirklich zeigt: einen Menschen, der durch einen farbigen Anstrich nahezu perfekt vor dem Hintergrund der bemalten Mauer verschwindet. Der Mensch ist der chinesische Künstler Liu Bolin, und mit der Idee, seine Gestalt mit farbigen Hintergründen eins werden zu lassen, erregt er inzwischen auf Ausstellungen weltweit Aufsehen.

Ein Mann wird eins mit dem Graffito an der Wand: eine der Arbeiten des chinesischen Künstlers Liu Bolin. Foto: www.LiuBolinArt.com
Liu Bolin, Foto: LiuBolinArt.com

Die Idee für diese Reihe entstand bereits 2005: Damals lebte Liu Bolin in der international beachteten Künstlerkolonie Suo Jia Cun am Rande Pekings. Obwohl viele der Gebäude erst ein Jahr zuvor gebaut worden waren, ordnete die Stadt an, die angeblich illegal errichtete Siedlung abzureißen. Die Gebäude und ihre Bewohner sollten aus dem Viertel verschwinden – und genau dies tat auch Liu Bolin, indem er sich vor den Trümmern der Häuser von seinen Assistenten so bemalen ließ, dass er eins wurde mit dem Hintergrund.

So thematisierte er in dieser Reihe bald auch weitere Aspekte der Gesellschaft seines Heimatlands. Später führte ihn seine Arbeit in die ganze Welt:

Auch in einem Handygeschäft gelang es Liu Bolin, sich mit der Hilfe seiner Assistenten fast unsichtbar zu machen. Foto: www.LiuBolinArt.com
Liu Bolin, Foto: LiuBolinArt.com

In London ließ sich der Künstler vor den typischen roten Telefonzellen unsichtbar malen, in New York vor dem Hintergrund eines auf dem Hudson River verankerten Flugzeugträgers und in Venedig wurde er eins mit der Rialtobrücke samt einer davor vertäuten Gondel.

Das Prinzip ist immer gleich: Liu Bolin stellt sich vor dem gewählten Hintergrund auf und lässt sich von seinen Assistenten in mühevoller Detailarbeit Schritt für Schritt bemalen, bis sich Farbe und Musterung des Hintergrunds auf seinem Gesicht und seinem Körper aus der Perspektive des Fotografen genau fortsetzen. Bei einem einfachen Hintergrund dauert dies etwa drei bis vier Stunden, wird es komplizierter, können bis zu vier Tage Vorbereitungszeit nötig sein – wie bei dem Werk "Instant Noodles" – "Instant-Nudeln".

An einem Regal mit Zeitschriften verschwand Liu Bolin ganz vor dem Hintergrund. Foto: www.LiuBolinArt.com
Liu Bolin, Foto: LiuBolinArt.com

Hier stellte sich Bolin vor ein nachgebautes Supermarktregal mit Nudeln und beklebte seine Jacke mit den Etiketten der Packungen, bis er schließlich eins wurde mit dem Hintergrund. Wichtig ist Bolin dabei, dass alle Bilder ganz in Handarbeit und ohne elektronische Bearbeitung entstehen.

Liu Bolin ist in seinen Bildern am jeweiligen Ort präsent und gleichzeitig unsichtbar. Das macht den Reiz dieser Arbeiten aus. In dem Werk "The Studio" etwa stellte sich Bolin in ein Nachrichtenstudio des französischen Fernsehens mitten zwischen die zwei Moderatoren – ein stummer, unsichtbarer und zugleich mahnender Zeuge des Geschehens. (ud)