15.06.2011

Der Mythos der Grünen Fee

Der mit Wermut und anderen Kräutern hergestellte Absinth ist bis heute von Legenden umrankt

Die Maler Vincent van Gogh und Henri Toulouse-Lautrec liebten sie, Édouard Manet und Edgar Degas ebenso, aber auch Literaten wie Arthur Rimbaud, Charles Baudelaire und Oscar Wilde waren ihr zugetan: "Grüne Fee" wurde der Absinth genannt, dem im 19. und frühen 20. Jahrhundert ungezählte Menschen besonders im französischsprachigen Teil Europas verfallen waren. Wegen seines Gehalts der  angeblich halluzinogen wirkenden Substanz Thujon hat der nach diesem Boom viele Jahrzehnte lang fast überall verbotene Wermutschnaps einen legendären Ruf – zu Unrecht, wie man heute weiß.

Die Wirkung des Wermutschnapses als "Grüne Fee" wurde gerade von Künstlern oft verklärt, wie hier in diesem 1901 entstandenen Bild von Viktor Oliva. Die Realität sah jedoch oft anders aus und endete für nicht wenige in Wahnvorstellungen und geistigem Verfall. Repro: public domain
Absinth, Repro: public domain

Der Name "la fée verte" ("Die Grüne Fee") leitet sich von der bei den meisten klassischen Sorten grünen Farbe des Getränks her. Diese kommt durch die Kräuter zustande, darunter vor allem Wermut und Anis, mit denen die Spirituose hergestellt wird. Einige wenige Absinthsorten sind hingegen klar oder sogar von schwärzlicher Farbe. Die "Grüne Fee" erschien angeblich so manchem, der das mysteriös schimmernde Getränk zu sich nahm: "Absinth hat eine wunderbare Farbe: grün. Ein Glas Absinth ist so poetisch wie alles andere in der Welt", soll Oscar Wilde einmal gesagt haben. Künstler und Literaten wie er waren es, die den besonderen Ruf des Getränks prägten und immer wieder von seiner bewusstseinsverändernden Wirkung sprachen. Absinthtrinker waren ein beliebtes Motiv in der Kunst, unter anderem in Bildern von Edgar Degas oder Eduard Manet.

Der klassische Absinthtrinker benutzte einen geschlitzten Löffel, auf dem ein Zuckerwürfel platziert wurde. Der Zucker wurde mit tropfenweise rinnendem Wasser in das Getränk gespült, bis das gewünschte Verdünnungsverhältnis erreicht war. Foto: Ari x, CC-Lizenz
Absinthglas, Foto: Ari x, CC-Lizenz

Absinth war jedoch nicht nur ein Getränk der Bohème, sondern in erster Linie eine billige Droge für die Massen. Millionen von Litern rannen Anfang des 20. Jahrhunderts in Frankreich alljährlich durch die Kehlen von Arbeitern, Tagelöhnern und kleinen Angestellten und ruinierten das Leben so manchen Zechers. Der sogenannte Absinthismus, der mit Symptomen wie Kontrollverlust, Nervosität und Halluzinationen einherging und schließlich im geistigen und körperlichen Verfall der Betroffenen endete, war ein verbreitetes Phänomen.

Schuld daran sei vor allem das Thujon gewesen, das auch den angeblich bewusstseinsverändernden Effekt auslöste, hieß es lange Zeit. Die Substanz ist Bestandteil der im Wermutkraut enthaltenen ätherischen Öle und man vermutete, sie wirke im Gehirn ähnlich wie der Cannabiswirkstoff THC. Jüngere Untersuchungen von Pharmakologen haben dies jedoch widerlegt – und nicht nur das: Die Thujon-Konzentration im Absinth ist viel zu gering als dass die Substanz eine halluzinogene Wirkung entfalten könnte.

Das traf bereits auf den Absinth zu, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts hergestellt wurde, wie Karlsruher Forscher 2008 in einer Studie herausfanden: Sie hatten knapp hundert Jahre alte, versiegelte Absinthflaschen aus Frankreich aufgespürt, deren Inhalt analysiert und festgestellt, das an dem Gerücht vom sagenhaften Thujongehalt in den als glanzvoll geltenden Zeiten des Getränks nichts dran war.

Auch die Werbung arbeitete gezielt auf eine Glorifizierung des Getränkes hin. Repro: Arnold.p, CC-Lizenz
Absinthwerbung, Repro: Arnold.p, CC-Lizenz

Das Thujon war also nicht schuld am Verderben, das die mit zunehmendem Konsum gar nicht mehr so zauberhafte "Grüne Fee" den Zechern brachte, sondern schlicht und einfach der Alkohol und dessen oftmals minderwertige Qualität.Die Zeit des Absinths war in Europa spätestens in den 1920er Jahren vorerst vorbei: Nach und nach wurde das grüne Getränk in fast allen Ländern verboten – in Frankreich unter tatkräftiger Mitwirkung der Weinproduzenten, die sich damit eines lästigen Konkurrenzproduktes entledigen konnten. Wiedergekehrt ist die "Grüne Fee" erst um die Jahrtausendwende, als Absinth in den EU-Ländern wieder zugelassen wurde.

Dem Mythos der "Grünen Fee" hatte das lange Verbot nur genutzt und konnte von den Produzenten nun geschickt für die Vermarktung des Getränks genutzt werden. Neben der klassisch mit großen Aufwand hergestellten Spirituose kam seither allerhand auf den Markt, was Oscar Wilde heute sicherlich die Tränen in die Augen treiben würde: Dank künstlicher Farbstoffe kommt die Fee heute manchmal sogar in Rot oder Blau des Weges. (ud)

 

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