24.06.2015

Die Weißen Nächte von St. Petersburg

Wenn es zur Zeit der Sommersonnenwende nie ganz dunkel wird herrscht in der Metropole im Norden eine ganz besondere Stimmung

"Es war eine wundervolle Nacht, eine solche Nacht, wie sie vielleicht nur vorkommen kann, wenn wir jung sind, lieber Leser." So beginnt Fjodor Dostojewskis Roman "Weiße Nächte". Es geht darin nicht nur um die Verliebtheit der Jugend, sondern auch um ein Phänomen am Sommerhimmel des Nordens: In St. Petersburg, wo die Geschichte der zwei Liebenden spielt, verschwindet in den Wochen um die Sommersonnenwende die Sonne nachts nur kurz hinter dem Horizont. Richtig dunkel wird es in diesen Nächten nicht. Das sind die Weißen Nächte, die der Erzählung ihren Namen gegeben haben.

Das besondere Licht macht den Reiz der Weißen Nächte in St. Petersburg aus. Foto: e_chaya, CC-Lizenz auf flickr.com
Weiße Nacht. Foto: e_chaya, CC-Lizenz auf flickr.com

Um solche Nächte zu erleben, muss man nicht nach St. Petersburg reisen: Es gibt sie im Sommer auf der Nordhalbkugel überall jenseits etwa 60 Grad nördlicher Breite – also auch in halb Schweden, in Norwegen oder ganz im Norden Schottlands. Und selbst im äußersten Norden Deutschlands lassen sich Nächte erleben, wo die sogenannte nautische Abenddämmerung direkt in die Morgendämmerung übergeht. Diese bezeichnet den Grad der Helligkeit, der es noch erlaubt, die Kimm – also die Horizontlinie im Meer – zu erkennen, aber gleichzeitig bereits die ersten Sterne zu sehen. Für Seefahrer war dies früher eine wichtige Zeitspanne, in der Positionsbestimmungen vorgenommen werden konnten.

Mag es in vielen Gegenden der Nordhalbkugel in den Wochen um die Sommersonnenwende ebenfalls nicht dunkel werden – in St. Petersburg prägen die Weißen Nächte die Identität einer ganzen Stadt. Sie gehören zu der Millionenmetropole wie das Oktoberfest zu München oder der Karneval zu Köln. Auch in St. Petersburg geht es dabei feuchtfröhlich zu, jedoch nicht nur.

Mitternacht Ende Juni in St. Petersburg. Foto: e_chaya, CC-Lizenz auf flickr.com
Mitternacht. Foto: e_chaya, CC-Lizenz auf flickr.com

Es ist die Zeit, in der Verliebte an den Ufern der Newa flanieren, in der Theater- und Musikfestivals stattfinden und Ausflugsschiffe rund um die Uhr im Finnischen Meerbusen und auf den zahlreichen Kanälen unterwegs sind. Es gibt offizielle und inoffizielle Wett- und Rundfahrten auf Fahrrädern, auf Inlineskates oder Motorrädern und natürlich unzählige private Festivitäten.

St. Petersburg wurde auf 42 Inseln erbaut, die durch zahlreiche Brücken miteinander verbunden sind. Viele dieser Brücken können hochgeklappt werden, damit große Schiffe passieren können. Dies geschieht jedoch nur im Sommer – im Winter, wenn die Flüsse vereist sind, ist ohnehin keine Schifffahrt möglich. Das Hochklappen der Brücken im Halbdunkel der Weißen Nächte gehört daher ebenfalls zu den Attraktionen. Für viele St. Petersburger sind die Weißen Nächte einfach die Stunden, in denen die Jungen und Junggebliebenen die Schönheiten ihrer Stadt so intensiv erleben wie zu kaum einer anderen Zeit.

Viele der Brücken werden während der Weißen Nächte hochgeklappt, um Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Foto: sergejf, CC-Lizenz auf flickr.com
Brücke: Foto: sergejf, CC-Lizenz auf flickr.com

Der Begriff ist jedoch keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der russischen Millionenstadt: Weiße Nächte kennt man auch in Frankreich oder Italien. Gemeint ist damit jedoch keine ewige Helligkeit am Himmel, sondern schlichtweg eine durchgefeierte Nacht. Es gibt sie jedoch auch andernorts: In Bukarest etwa findet regelmäßig die "Weiße Nacht der Kunstgalerien" statt, im bayerischen Garmisch-Partenkirchen nehmen in der Weißen Nacht rund 3.000 Besucher möglichst in Weiß an einer 600 Meter langen weißen Tafel Platz und lassen sich von örtlichen Gastronomen bekochen. In Griechenland hingegen findet die Weiße Nacht am helllichten Tag statt: Hier bezeichnet der Begriff die mittägliche Ruhe.(ud)