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26.02.2014

Die Zeit der befreiten Farbe

Im Jugendstil fanden Architekten und Gestalter wieder zur Farbigkeit zurück

Es war eine Demonstration der Erneuerung und des Aufbruchs: Die Ausstellung "Ein Dokument Deutscher Kunst" der Darmstädter Künstlerkolonie im Jahr 1901 war für viele Besucher eine Offenbarung. Die Gruppe junger Architekten und Gestalter – großzügig unterstützt von Ernst Ludwig, dem letzten Großherzog von Hessen-Darmstadt – zeigte acht vollständig eingerichtete Wohnhäuser und ein großes Ateliergebäude, die alle im Jugendstil gestaltet und eingerichtet waren. Mit dem von der Natur inspirierten Formenreichtum zog auch eine neue Farbigkeit in Architektur und Gestaltung ein: "Die befreite Farbe", wie es Kunsthistoriker später formulierten, setzte einen Gegenpol zu der oft eintönigen Farbgebung des Historismus, der die Jahrzehnte zuvor geprägt hatte.

Die Aufmachung der 1896 erstmals erschienenen Zeitschrift "Jugend" war stilprägend und namensgebend für den Jugendstil in Architektur und Design. Repro: public domain
Zeitschrift Jugend. Repro: public domain

Prägend für den Jugendstil in Deutschland war die seit 1896 in München erscheinende Kunstzeitschrift "Die Jugend". Ihre damals aufsehenerregende Gestaltung wurde zum Vorbild für Künstler, Kunsthandwerker, Architekten und Designer, sodass sich aus dem Titel der Zeitschrift später die Bezeichnung für die gesamte Epoche ableitete. Der Aufbruch zu neuen Formen und Farben war keineswegs nur ein deutsches Phänomen: Als "Art Nouveau" wurde der neue Stil in vielen Ländern Europas gepflegt und weiterentwickelt, in England unter dem Namen "Modern Style", in Katalonien als "Modernisme" und in Österreich als "Secessionsstil".

Die "Art Nouveau" verstand sich als Bewegung, die den Historismus hinter sich lassen wollte, der mehrere Jahrzehnte lang die Architektur in Europa geprägt hatte. Die Art-Nouveau-Bewegung kritisierte den Historismus vor allem wegen seiner Rückwärtsgewandtheit: In der Gestaltung von Gebäuden griff dieser Elemente vergangener Stilepochen auf, die vom Klassizismus über die Romanik und Gotik bis hin zu Barock und Rokoko reichen konnten. So entstanden in den deutschen Städten Gebäude, die an antike Tempel erinnerten, gotische Türmchen trugen oder deren Innenräume von romanischen Gewölben überspannt wurden. Manchmal kombinierten die Architekten sogar verschiedene Stilepochen in einem einzigen Gebäude miteinander.

Die von den Bewohnern der Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe entworfenen Jugendstilhäuser sind zum Teil erhalten geblieben – hier das von Peter Behrens samt Inneneinrichtung als "Gesamtkunstwerk" entworfene Gebäude. Foto: Dontworry, CC-Lizenz
Behrens-Haus, Foto: Dontworry, CC-Lizenz

Die neue Bewegung hatte den Anspruch, diese alten Zöpfe abschneiden und Gebäude als Gesamtkunstwerke in einem einheitlichen Stil gestalten zu wollen: Dieser Stil sollte sich nicht nur auf das architektonische Erscheinungsbild des Gebäudes, sondern auch auf die Innendekoration beziehen. Dazu gehörten beispielsweise aufwendig gestaltete Fenster, Wandflächen und Möbel.

Typisch ist dabei eine Ornamentik, die sich an der Natur orientiert: Grüne Zweige ranken sich in verschlungenen Formen über Wände, Lampen haben die Gestalt von Blütenkelchen, Pfauen und andere farbenprächtige Vögel recken ihre Schwingen über Hauseingängen und Fensteröffnungen. Dass diese Hinwendung zur Natur gerade in einer Zeit, in der die Industrialisierung in Europa massiv voranschritt, auf ihre Art nicht weniger rückwärtsgewandt war wie der Historismus, gehört zu den Widersprüchen des Jugendstils.

Dennoch: Nach den nüchternen Jahrzehnten des Historismus empfanden viele die geschwungenen Linien und organischen Formen des Jugendstils als Befreiung. Dies galt besonders für den nun großzügigen Einsatz von Farbe. Zwar hatte es auch im Historismus immer wieder Tendenzen gegeben, am Gebäude mehr Farbe einzusetzen – letztlich umgesetzt wurde meist nur eine sehr dezente, von Weiß und Brauntönen geprägte Farbgebung.

Tiere oder Pflanzen – dargestellt in verschlungener Ornamentik – sind typische Motive in der Kunst des Jugendstils. Foto: public domain
Schwäne, Repro: public domain

Mit dem Jugendstil wurde das nun anders: Die florale Ornamentik vieler Gebäude rief nach einem intensiven Grün, besonders beliebt waren außerdem Blau- und Violetttöne sowie Türkis. Intensives Rot kam ebenso vor wie leuchtendes Gold – kurzum: Die Farbe erfreute sich mit dem Jugendstil einer über viele Jahrzehnte zuvor nicht mehr gekannten Beliebtheit.

"Für uns, als wir jung waren, begann das 20. Jahrhundert als Versprechen wie als Aufgabe recht eigentlich in Darmstadt", hatte Theodor Heuss viele Jahrzehnte später über die Ausstellung der Künstlerkolonie im Jahr 1901 geschrieben. Als 17-jähriger hatte er die Schau besucht. Doch was damals für junge Menschen wie ihn so vielversprechend begann, fand nur eineinhalb Jahrzehnte später ein jähes Ende: Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 kam die Entwicklung des Jugendstils weitgehend zum Erliegen. (ud)