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30.05.2012

Ein Land sieht Rot

Rote Häuser haben in Schweden seit Jahrhunderten Tradition


Ein schwedisches Landhaus: Wer wird sich da etwas anderes als ein rot gestrichenes Holzhaus mit weißen Eckpfosten und Fensterrahmen vorstellen? Es ist weit mehr als ein Klischee, denn in Schweden ist vor allem außerhalb der großen Städte Rot die dominierende Hausfarbe. "Schwedenrot" wird dieser charakteristische daher hierzulande auch genannt, während die Schweden selbst von "Falunrot" sprechen. Das Rot kann – neben dem Blau und Gelb der Landesflagge – durchaus zu den schwedischen Nationalfarben gezählt werden.

Blumen, blauer Himmel und ein rotes Holzhaus: So stellt man sich einen schwedischen Sommer vor. Foto: John Krempl, Photocase.com
Schwedenhaus, Foto: John Krempl

Die Geschichte des Falunrots beginnt vor vielen hundert Jahren in einem Wald nahe der heutigen Stadt Falun in der mittelschwedischen Provinz Dalarna. Dort, so jedenfalls erzählt es die schwedische Schriftstellerin Selma Lagerlöf in ihrem berühmten Nationalepos "Nils Holgersson", lebte einmal ein Bauer, der trieb sein Vieh im Sommer zur Weide in den Wald. Bald bemerkte er, dass einer der Ziegenböcke immer mit roten Hörnern aus dem schwer zugänglichen Dickicht zurückkehrte. Und so oft er ihm das Rot auch abwischte: Das Tier kam immer wieder mit roten Hörnern zurück. Da folgte der Bauer dem Bock in den Wald und sah, dass er sich seine Hörner an einigen roten Steinen rieb. Der Bauer leckte und roch an den Steinen und bemerkte, dass er Kupfererz gefunden hatte.

So berichtet Lagerlöf von der Entdeckung einer der bedeutendsten Kupfervorkommen Europas. Dessen Geschichte reicht mindestens sieben Jahrhunderte zurück: Im Stockholmer Reichsarchiv befindet sich ein Dokument aus dem Jahr 1288, in dem die Kupfermine bereits belegt ist. Ihre große Zeit war jedoch im 17. Jahrhundert, wo in Falun sogar zwei Drittel der Weltproduktion des Metalls gefördert wurde. Zu dieser Zeit war Falun mit rund 6.000 Einwohnern geradezu eine Großstadt.

Der Maler Carl Larsson hat mit seinen Bildern die schwedische Volksseele geprägt – rote Häuser sind oft Teil seiner Motive. Repro: public domain
Carl Larsson, Repro: public domain

Neben dem Kupfer kam aus der Stadt und ihrem Bergwerk bald noch ein anderer Rohstoff: ein rotes Pigment aus Eisenoxid. Gewonnen wurde es aus dem sogenannten Rotmulm, dem kupferarmen und daher eigentlich nutzlosen Abraum des Kupferbergbaus. Dem Material sieht man zunächst gar nicht an, dass es Eisenoxid enthält, denn es hat eine bräunlich-gelbe Farbe. Erst durch das Erhitzen zeigt sich das intensive Rot.

In Wasser gelöst, wurde das so gewonnene Pigment bereits im 16. Jahrhundert als Wandfarbe eingesetzt: König Johann der Dritte von Schweden ordnete 1573 in einem Brief an, die Dächer eines seiner Schlösser in Rot zu streichen. Doch erst etwa zweihundert Jahre später begann in Falun die gezielte Produktion des Pigments. Der Bedarf war bald groß, galt ein rotes Haus doch als Zeichen von Wohlstand – nicht zuletzt, da es an die Backsteinbauten erinnerte, die reiche Bürger in Mitteleuropa bewohnten.

Bei der Verfilmung von "Michel aus Lönneberga" diente selbstverständlich auch ein schmuckes rotes Bauernhaus als Schauplatz des Katthult-Hofs. Foto: vauvau, CC-Lizenz
Katthult, Foto:  vauvau, CC-Lizenz

Da die Farbe vergleichsweise einfach herzustellen und sehr beständig war, wurde das Rot bald zum dominierenden Fassadenfarbton des Landes. Der Einfluss von Künstlern wie etwa der Maler Carl Larsson, der den Wohn- und Einrichtungsstil über Jahrzehnte hinweg prägte, tat sein Übriges und trug dazu bei, dass sich die Farbe geradezu in das schwedische Nationalbewusstsein einbrannte. Bis heute ist ein schwedisches Dorf ohne rote Häuser kaum vorstellbar: Von der Dorfkirche oder dem schmucken Landhaus bis hin zur winzigen Jagd- oder Fischerhütte – überall findet das Rot Verwendung. Sogar der geradezu legendäre Tischlerschuppen, in den Michel aus Lönneberga aus dem Kinderbuch von Astrid Lindgren immer wieder gesperrt wird, ist rot – zumindest in der bekannten Verfilmung.

Wer hierzulande sein Haus oder auch nur einen Schuppen in dem klassischen schwedischen Farbton streichen möchte, kann übrigens auf gängige Beschichtungsstoffe zurückgreifen: Im Scala Farbplanungssystem entspricht das Schwedenrot in etwa den Werten 27.12.27. (ud)

 

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