05.04.2006

Ein Leben in Blau

Mit seinen monochromen Bildern spaltete der französische Künstler Yves Klein die Kunstwelt

Der französische Künstler Yves Klein präsentierte im Jahr 1957 in einer Mailänder Galerie zum ersten Mal elf augenscheinlich identische, monochrome Bilder in einem atemberaubenden Blau. Fast ein Jahr war der Maler auf der Suche nach dem perfekten Blau gewesen. Offensichtlich hatte er es gefunden: Seine Bilder werden anschließend erfolgreich in Düsseldorf, Paris und London ausgestellt. Die Welt des Yves Klein ist fortan ausschließlich Blau, und zwar in einem betörenden Blau von poetischer Kraft, das er auf seinen Namen patentieren lässt: IKB International Klein Blue.

Künstliches Ultramarin war die Basis von Yves Kleins unverwechselbarem Blau. Foto: Wikipedia
Künstliches Ultramarin war die Basis von Yves Kleins unverwechselbarem Blau. Foto: Wikipedia

Yves Klein wird 1928 als Sohn eines Künstler-Ehepaares in Cagnes-sur-Mer an der Côte d’Azur geboren. Der gelernte Judoka-Meister entschließt sich erst spät für die Malerei und besitzt von Beginn an eine Vorliebe für die Monochromie: Seine Bilder, einfarbige Flächen auf Leinwand, Holz und Papier, zunächst schlicht in der Farben orange, rot, gelb, türkis und weiß gehalten, stellen eine Provokation für die damalige Kunstwelt dar. Als er 1955 seine erste monochrome Arbeit für den Kunstsalon Realités Nouvelles einreicht, wird das Bild mit der Begründung abgelehnt, eine einzelne Farbe reiche für die Malerei nicht aus.

Als er später die Gelegenheit zu seiner ersten Ausstellung in einer Pariser Galerie erhält, stellt er den Besuchern erklärende Begleittexte zur Verfügung. "Für mich ist jede Nuance einer Farbe in gewisser Weise ein Individuum", schreibt er. In seinem Tagebuch findet sich folgende Notiz: "Ich glaube, in Zukunft wird man nur noch Bilder mit einer einzigen Farbe malen, Bilder, die zugleich nichts anderes als Farbe zeigen. Ich will damit sagen, es wird keine Zeichnung, keine Linie, keine Form mehr geben, nur mehr Einfarbigkeit, die schön gleichmäßig auf der Leinwand verteilt ist..."

Farbe war für Yves Klein materialisierte Sensibilität. In der Monochromie sah er die Möglichkeit, expressionistische und kompositionelle Elemente in der bildenden Kunst zurückzudrängen und die Empfänglichkeit des Betrachters für die Erfahrung des Sehens, Denkens und Fühlens zu wecken.

Die ersten ausgestellten Bilder genügten wohl nicht, dieses ambitionierte Programm den Ausstellungsbesuchern verständlich zu vermitteln. Die Betrachter konzentrierten ihre Blicke nicht auf die einzelnen Farben, sondern verglichen die Farben vielmehr untereinander und ließen sich von der bunten Hängung ablenken. Yves Klein musste seine Intention also klarer verdeutlichen. Er entschloss sich, zukünftig ausschließlich blaue Monochrome zu malen. Die "Blaue Epoche" begann.

Blau übte auf den Mann von der Côte d’Azur eine unbeschreibliche Faszination aus. Ganz besonders die betörende Strahlkraft des reinen Pigmentpulvers, die sich nach Auftrag der flüssigen Farbmischung an der Leinwand so nicht mehr wieder findet. Die leuchtende Intensität des ultramarinblauen Pigments wird durch den Zusatz der Bindemittel geschwächt, die ursprüngliche Farbmagie verschwindet. Mithilfe einer befreundeten Architektin und eines Farbenhändlers entwickelt Yves Klein eine Methode, die das leuchtende Pulver nicht stumpf wirken lässt. Die Rezeptur auf Basis von Ethanol, Ethylacetat und dem Harz Rhodopas lässt es zu, die optische Wirkung des rohen Pigments wie im unvermischten Zustand auf der Leinwand zu erhalten.

Das leuchtend blaue Farbpigment, das auf dem Maluntergrund kaum fixiert ist, zieht den Blick des Betrachters auf sich und lässt ihn darin versinken. Es besitzt laut seinem Erfinder "die Kraft, das Undefinierbare zu enthüllen". Das Blau der Leinwand verschmilzt geradezu mit dem Raum. Die abgerundeten Ecken der Bildtafeln und die rahmenlose Hängung mit einem Abstand von etwa zwanzig Zentimetern von der Wand unterstützen die Wirkung der Farbe in den Raum hinein und rufen den Eindruck fast schwebender Farbflächen hervor.

Die Reaktionen der Kunstwelt auf die Mailänder Ausstellung sind gespalten, sein Werk irritiert. Dennoch finden sich Künstler, die ihm nacheifern, sowie Galeristen und Sammler, die ihn unterstützen. Seine erste Auftragsarbeit für das Foyer des Stadttheaters in Gelsenkirchen besteht aus drei gewaltigen Wandreliefs mit tiefblau eingefärbten Schwämmen in IKB. Es folgen weitere Schwammreliefs und -skulpturen, später die so genannten Anthropometrien, zu deren Komposition Yves Klein weibliche Modelle als menschliche Pinsel einsetzt, die ihren nackten Körper mit blauer Farbe bemalten und ihren Körperabdruck auf weißer Leinwand hinterließen.

In seinen Feuerbildern experimentiert Yves Klein mit Flammenwerfern als Ausdruck "elementarer Energie", die er häufig mit Körperabdrucken und IKB kombiniert, später entstehen mehrere Arbeiten in Gold und Rosa. 1962 stirbt Yves Klein im Alter von nur 34 Jahren an den Folgen seines dritten Herzinfarktes. Yves Klein zählt heute zu den wichtigsten Künstlern des 20. Jahrhunderts, der sowohl seine Zeitgenossen als auch nachfolgende Künstlergenerationen in starkem Maße beeinflusste. Viele Strömungen der Modernen Kunst, wie Happening, Performance, Body Art und Minimalismus, nahm er vorweg.