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28.09.2005

Ein Schmetterlingsflügel für die Lippen

Pigmentfreie Schminkprodukte erzeugen intensive Farben nach dem Schmetterlingsprinzip

Auf den ersten Blick werden sie eher unscheinbar wirken, die neuen Nagellacke, Lidschatten und Lippenstifte. Statt in kräftigen oder zarten Farben, wie man sie aus dem Kosmetikregal kennt, kommen die Schminkprodukte der nächsten Generation in ihren Töpfchen, Tiegelchen und Stiften in schlichtem Weiß daher. Erst wenn sie auf die Haut aufgetragen werden, zeigen die "Farben ohne Farben" ihre verborgenen inneren Werte: Sie lassen Augenlider in irisierenden Regenbogentönen schimmern, verleihen Lippen ein extrem intensives Rot, das je nach Blickwinkel seine Farbe von Pink nach Blau ändert und lassen Wimpern wie Diamanten glitzern. Ihr Geheimnis: Die Produkte enthalten keine Pigmente, sondern photonische Strukturen, die auch Schmetterlingsflügeln und Pfauenfedern ihre brillanten Farben verleihen.

Die pigmentfreien Schminkprodukte nutzen die gleichen optischen Tricks wie der Morpho-Schmetterling. Foto: L'OREAL

Das Vorbild für das neue High-Tech-Make-up stammt wie so oft aus der Natur – genauer gesagt, aus dem tropischen Regenwald. Dort leben Morpho-Schmetterlinge, deren Flügel zwar in den unglaublichsten Farben schillern, jedoch nicht ein einziges Pigment enthalten. Stattdessen nutzen sie eine Eigenschaft des Lichts aus, die auch Seifenblasen oder Öltropfen auf dem Wasser schillern lassen. Das Prinzip: Trifft Licht auf die Oberfläche eines dünnen Films, wird ein Teil wie an einem Spiegel reflektiert, während gleichzeitig ein anderer Teil in die Schicht eindringt, um schließlich von der unteren Grenzfläche reflektiert zu werden.

Vereinigen sich die beiden reflektierten Strahlen auf ihrer Reise, kann es zu Interferenzeffekten kommen: Die beiden Lichtstrahlen verstärken sich gegenseitig und verursachen eine starke Reflexion bei einer bestimmten Wellenlänge – und damit eine bestimmte Farbe. Je mehr dünne Schichten dabei übereinander liegen, desto intensiver wird die Farbe.

Genau nach diesem Prinzip bauen auch Morpho-Schmetterlinge ihre Flügel auf, hatten die britischen Physiker Peter Vukusic und Roy Sambles erst vor wenigen Jahren entdeckt. Unter dem Elektronenmikroskop konnten sie feine, nur drei bis vier tausendstel Millimeter dicke Schuppen erkennen, die wie bei einem Schindeldach übereinander geschichtet waren. Auf der Oberfläche dieser Schuppen fanden die Forscher noch eine weitere Schichtstruktur: Wie die Zweige eines winzigen Tannenbaums wechseln sich dort Schichten aus einem durchsichtigen Material mit Luftpolstern ab und bilden einen so genannten photonischen Kristall. Solche Kristalle, die auch in Pfauenfedern vorkommen, fangen das einfallende Licht ein und lassen aufgrund von komplexen Überlagerungen nur bestimmte Wellenlängen wieder heraus.

Diese Entdeckung von Vukusic und Sambles war es, die den Kosmetikkonzern L'Oreal auf die Idee des pigmentfreien Make-ups brachte. Von dem genialen Bauprinzip der Schmetterlingsflügel inspiriert, entwickelten die Franzosen eine Methode, um photonische Kristalle in ihre Produkte einzubauen: Sie stellen dünne Folien her, in denen sich Metalloxidschichten mit Lagen aus Glimmer abwechseln. Die Folien werden dann in unzählige winzige Flocken zerbrochen, die dem Grundstoff für Lippenstift, Lidschatten oder Nagellack zugesetzt werden. Durch Variation der Schichtdicken und der Materialien können die Entwickler dabei bestimmen, welche Farben auf der Haut entstehen sollen und ob sie irisieren, spiegeln oder metallisch schimmern sollen.

Neben ihren erstaunlichen Farbeffekten sollen die neuen Produkte nach Angaben der Hersteller auch noch andere Vorteile haben. So färben sie beispielsweise nicht ab – braune Make-up-Ränder an Hemdkragen oder unschöne Lippenstiftreste an Gläsern könnten damit der Vergangenheit angehören. Da außerdem nicht mehr so viele Öle und Fette für einen schönen Glanz benötigt werden, sollen die Lippenstifte und Lidschatten auf der Haut sehr viel haltbarer sein als herkömmliche Varianten.

Doch es gibt auch noch ungelöste Probleme: Bislang entfaltet das pigmentfreie Make-up seine volle Schönheit beispielsweise nur in hellem Tageslicht – eine Enttäuschung für alle, die eine neue Eroberung beim Candlelight-Dinner beeindrucken wollen. Um die volle photonische Wirkung zu erzielen, müssen die winzigen Flöckchen außerdem in der richtigen Orientierung auf der Haut liegen.

Und zu guter Letzt gibt es ein schwerwiegendes Marketinghindernis: Da alle Produkte in ihrer Verpackung weiß sind, können potenzielle Kundinnen nicht erkennen, welche Farbe der von ihnen ausgewählte Lippenstift hat. L'Oreal arbeitet deshalb derzeit an photonischen Druckfarben, die auf der gleichen Technik basieren wie die Schminke. Doch trotz der Probleme sind die Hersteller optimistisch: Bereits im nächsten Jahr sollen die ersten photonischen Schminkutensilien auf den Markt kommen.