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03.08.2011

Farben gegen die Tristesse

Bunte Fassaden sollen in der albanischen Hauptstadt Tirana seit zehn Jahren mehr Lebensfreude schaffen

"Nach einer langen, dunklen grauen Zeit haben die Farben die Menschen aufgeweckt. Sie waren ein sehr starkes Zeichen der Wiedergeburt, der Lust zum Leben und des Erwachens." Der das sagt, heißt Edi Rama, ist Künstler und war zehn Jahre lang Bürgermeister der albanischen Hauptstadt Tirana. Als Verfechter einer bunten Stadt fand er weltweit Beachtung, wobei der Begriff "bunt" wörtlich zu nehmen ist: Edi Rama hatte es zu seinem Programm gemacht, möglichst viele Fassaden der Stadt bunt zu gestalten. Damit sollte den Menschen in der Metropole gezeigt werden, dass nun neue und hoffnungsfrohe Zeiten angebrochen sind. Die Ära des Politikers endete vor einem Monat, als Edi Rama nach langen Querelen um die richtige Auszählung von Wählerstimmen den Bürgermeistersessel räumen musste.

Zur Sanierung der oft maroden Bausubstanz in Tirana fehlt das Geld – die Farbe trägt dennoch dazu bei, die Stadt lebenswerter zu machen. Foto: d_proffer, CC-Lizenz
Tirana, Foto: d_proffer, CC-Lizenz

Als Edi Rama im Jahr 2000 zum Bürgermeister gewählt wurde, herrschte in Tirana noch der Wildwuchs: Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems 1990 hatte eine unkontrollierte und oft illegale Bautätigkeit eingesetzt, die auch vor Parks und anderen öffentlichen Flächen nicht Halt machte. "Die Bevölkerung hatte sich den öffentlichen Raum erobert, ohne allerdings miteinander in Kontakt zu treten. Die Straßen glichen Korridoren wie aus einem Kafka-Roman, immer enger und immer voller", schilderte Rama 2003 in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung die Stimmung. Der Bürgermeister ließ Bulldozer auffahren und mehr als tausend illegal entstandene Gebäude abreißen.

Doch Rama beschränkte sich nicht aufs Abreißen. Das aus Zeiten der Diktatur stammende Einheitsgrau der Wohnblöcke und Plattenbausiedlungen sollte einer möglichst bunten Vielfalt weichen – so farbig und so lebensfroh, wie die Stadt und ihre Menschen künftig sein sollten.

Straßenzug um Straßenzug wurde unter der Ägide Edi Ramas farbig gestaltet. Foto: Francesco Crippa, CC-Lizenz
Tirana, Foto: Francesco Crippa, CC-Lizenz

Edi Rama machte es zur Chefsache, Farbe in die Stadt zu bringen: Fassaden wurden in leuchtendem Orange gestrichen, in Rot, Grün, Blau und Ocker erstrahlte Häuserzeile um Häuserzeile, häufig bunt durcheinander. "Wenn ich das Geld hätte, würde ich die ganze Stadt anmalen", sagte der unkonventionelle Politiker einmal einem Journalisten der "Süddeutschen Zeitung".

Mit seinem Engagement wollte Rama die Stadt und die Menschen verändern und die in den Jahrzehnten der Diktatur entstandene Tristesse beenden. Dass er als Künstler die Stadt damit auch als Leinwand für seine Ideen betrachtete, hat dem Bürgermeister auch Kritik eingebracht. Manche seiner Gegner warfen ihm einen selbstverliebten und autoritären Führungsstil vor, mit dem er seine persönlichen Vorstellungen durchsetze. Viele verehrten ihn jedoch als Heilsbringer.

Tirana ist noch immer eine der am schnellsten wachsenden Städte Europas. Foto: A. Dombrowski, CC-Lizenz
Tirana, Foto: A. Dombrowski, CC-Lizenz

Gefeiert wurde Rama auch von Architekten, Stadtplanern und Kommentatoren in der ganzen Welt: Allein, dass sich ein Politiker auf so künstlerische Weise an das Thema Stadtplanung heranwagte, war für viele bemerkenswert. Magazine für Architektur, Kunst und Design schickten Fotografen und Korrespondenten nach Tirana, Feuilletonisten schrieben hymnische Portraits des Mannes, der früher einmal Basketballnationalspieler gewesen war und der sich nun anschickte, mit Farbe eine ganze Stadt verändern zu wollen. Als "Zauberer" und "Sonnenkönig von Tirana" wurde Rama tituliert, er war gefragter Gast in Podiumsdiskussionen und auf Architekturkongressen.

Dabei war sein Engagement für mehr Farbe nicht zuletzt auch aus der Not geboren: Die Stadt litt und leidet bis heute unter extremem Geldmangel, die Infrastruktur ist chronisch überlastet, selbst die Versorgung mit Strom und Wasser bricht immer wieder zusammen. Die Farbe an den Häusern sah Rama daher vor allem als Symbol für die Menschen, dass sich in ihrer Stadt nun etwas verändert hat – auch wenn hinter den bunten Fassaden noch immer der Beton bröckelt und die Hinterhöfe Tristesse verbreiten wie eh und je. Die Farbe sei wie das Make-up, das eine Frau schöner und attraktiver mache und bewirke, dass sie sich besser fühle, hat Rama immer wieder betont.

Ob sich die Stadt auch heute dank Ramas Farben besser fühlt und es tatsächlich auch der Buntheit zu verdanken ist, dass sich jetzt, mehr als zehn Jahre nach Ramas Amtsübernahme, in Tirana tatsächlich einiges bewegt hat, sei dahingestellt. Sicher ist: Seine Idee, die graue Vorgeschichte einer Stadt mit Farben zu vertreiben, hat bereits heute Geschichte in Architektur und Städtebau geschrieben. (ud)

 

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