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05.10.2011

Farbige Geheimnisse aus dem Mittelalter

Ein Handbuch des italienischen Malers Cennini aus dem 14. Jahrhundert dient Kunstfälschern bis heute als Quelle

"Wisse, daß es sieben natürliche Farben gibt: Nämlich vier, ihrer Natur nach eigentlich Erden, Schwarz, Rot, Gelb und Grün. Drei andre Naturfarben verlangen aber, künstlich bereitet zu werden, Weiß, Ultramarinblau oder Kupferblau und Neapelgelb." Diese Worte stammen aus einem vom italienischen Maler Cennino Cennini um 1400 verfassten Handbuch über die Malerei. Obwohl das Werk zunächst nur durch Abschriften verbreitet war, entpuppte es sich zum einflussreichsten Lehrbuch über die Malerei des Spätmittelalters. Selbst heute ist es noch von großer Bedeutung, und auch Kunstfälscher nutzen es als Informationsquelle.

Das Handbuch von Cennini verhilft Künstlern, Kunsthistorikern und Restauratoren bis heute zu einem besseren Zugang zur Malerei des späten Mittelalters: Dazu gehört unter anderem Giotto di Bondone, der mit seiner Malerei und seiner Bildauffassung ein neues Zeitalter einläutete. Zu seinen bedeutenden Werken gehört die "Beweinung Christi", ein 1304 bis 1306 in der Arenakapelle in Padua entstandener Freskenzyklus. Repro: public domain
Giotto di Bondone, Repro: public domain

Das Werk mit dem Titel "Il Libro dell'arte o trattato della pittura" ist eines der wichtigsten Handbücher, das im Mittelalter entstand, obwohl es mehr als vier Jahrhunderte dauerte, bis das Buch einen Verleger fand. Cennino Cennini beschreibt darin unter anderem einzelne Verfahrensweisen und Herstellungsarten von Farben, Bindemitteln, Malgründen, aber auch Grundsätzliches zur Auffassung der Malerei seiner Zeit.

Das Werk war nicht die erste Anleitung zur Herstellung von Farben: Schon vorher hatte es mit dem sogenannten Lucca Manuskript aus dem siebten oder achten Jahrhundert, der Mappae Clavicula aus dem neunten Jahrhundert und dem De Arte Diversibus von Theophilus Presbyter aus dem zwölften Jahrhundert einige gegeben. Im Vergleich zu diesen Schriften war die von Cennino Cennini jedoch die erste, in der ein Künstler detailliert die Geheimnisse seines Handwerks preisgab. Der Leser bekam einen Blick in das Labor eines Künstlers. Dies war damals sensationell, denn in der Regel hüteten Künstler ihre Geheimnisse sorgfältig.

In den meisten Kapiteln des Buches beschäftigt sich Cennini mit praktischen Fragen der Malerei und ihren Materialien. Zu Beginn der Erörterung der Farben benennt er mit Schwarz, Rot, Gelb, Grün, Weiß, Ultramarinblau oder Kupferblau sowie Neapelgelb sieben natürliche Farben. Den einzelnen Farben sind wiederum Varianten zugeordnet, so gibt es nach Cennini zum Beispiel sieben unterschiedliche Rottöne.

Bei Agnolo Gaddi, ein Nachfolger Giottos, war Cennini mehrere Jahre als Maler tätig. Bekannt ist die von Gaddi in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts geschaffene "Marienkrönung". Repro: public domain
"Marienkrönung", Repro: public domain

Das Werk präsentiert eine Reihe von Rezepten und technischen Anweisungen, die die Herstellung von Malmitteln und Maltechniken, aber auch verschiedene Druckverfahren betreffen. Die Ausführungen beschreiben sowohl die Herstellung des Malgrundes als auch das Brennen und das Einsetzen von Zeichenkohle. Cennini schildert außerdem ausführlich das schrittweise Abtönen eines Farbtones. Ebenso beschreibt er die Herstellung von Werkzeugen wie Federkielen, von Firnissen, Grundierungen, Gips, Leim und Klebstoffen. Der Leser findet Anleitungen über chemische Vorgänge, wie zum Beispiel die Gewinnung bestimmter Farben. In seinen Ausführungen geht er auch auf die unterschiedlichen Qualitäten von Farben ein, beispielsweise wenn sie aus Land- oder aus Stadteiern hergestellt sind.

Cennini erklärt, sein Buch diene zum Nutzen aller Künstler und gibt seinen Lesern auch besondere Tipps: Er erläutert zum Beispiel, wie aus billigen Pigmenten eine Imitation einer teuren blauen Farbe herzustellen ist und wie man grüne Farbe mit Weinessig aufbessern kann. Außerdem schildert er, wie der Leser mithilfe von Ziegenpergament, das so lange geschabt wurde, bis es ganz dünn war, eine Meisterzeichnung kopiert.

Eine Abschrift des Handbuches wurde im frühen 18. Jahrhundert in der Bibliothek des Vatikans entdeckt und 1821 in Italien gedruckt. Im weiteren 19. Jahrhundert folgten englische, französische und deutsche Übersetzungen. Erst unter Zuhilfenahme dieses Werkes konnten Wissenschaftler und Künstler das vergessene Handwerk der Malerei der Zeit des 13. und 14. Jahrhunderts erschließen.

Heute ist Il Libro dell’arte o trattato della pintura nicht nur eine Bibel für Kunsthistoriker und Restauratoren, sondern auch zu einem Leitfaden zur Fälschung mittelalterlicher Kunst geworden. So griff zum Beispiel der bekannte britische Kunstfälscher Eric Hebborn in seinem Buch "The Art Forger's Handbook" auf viele Rezepte und Ratschläge Cenninis zurück. (an)

 

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