01.06.2011

Farbige Ozeane

Warum es ein Gelbes, Rotes und sogar ein Weißes Meer gibt

Das Meer ist blau mit mehr oder minder starkem Grünstich, das weiß jedes Kind. Doch ein Blick in den Atlas zeigt, dass da noch mehr Farben sein müssen: Verzeichnet sind ein Schwarzes und ein Rotes Meer, ein Gelbes und ein Weißes Meer. Vergebens sucht man hingegen ein grünes, oranges, violettes oder ein braunes Gewässer. Wer nun den Ursprüngen der Bezeichnungen der farbigen Meere nachspürt, stößt auf Seltsames: Sie haben nicht unbedingt etwas mit der Farbe des Wassers zu tun.

Das Meer ist blau bis grün – und dennoch gibt es Gewässer, die Schwarzes, Gelbes, Rotes und Weißes Meer heißen. Foto: Markus Gann, Photocase.com
Meer,  Foto: Markus Gann, Photocase.com

Einfach ist die Suche nach dem Ursprung des Namens noch beim Gelben und beim Weißen Meer. Ersteres ist die Wassermasse, die sich zwischen China und der koreanischen Halbinsel erstreckt – ein Gewässer, das unter anderem das Wasser des Gelben Flusses aufnimmt. Dieser rund 5.000 Kilometer lange Strom trägt große Mengen gelblichen, besonders fruchtbaren Lössbodens mit sich und verleiht – zusammen mit seinen benachbarten Flüssen – dem nur rund hundert Meter tiefen Meer einen leicht gelblichen Stich.

Das Weiße Meer ist, obwohl in Europa gelegen, hierzulande kaum bekannt: Es liegt ganz im Nordwesten Russlands und ist Teil des Arktischen Ozeans. Seinen Namen hat es von dem Eis und Schnee, der so weit im Norden während des überwiegenden Teils des Jahres die Landschaft prägt: Eisfrei ist das Weiße Meer meist nur zwischen Mai und September, sonst zeigt es sich überwiegend als schneebedeckte Eisfläche. Wer sich die Küste des Weißen Meeres übrigens als menschenleere Einöde vorstellt, irrt: Mit der rund 350.000 Einwohner zählenden Stadt Archangelsk liegt hier eines der bedeutendsten Wirtschaftszentren des Nordens.

Woher das Weiße Meer seinen Namen hat, ist offensichtlich: Den überwiegenden Teil des Jahres ist es mit Eis und Schnee bedeckt. Foto: Biergerry, GNU-Lizenz
Weißes Meer, Foto: Biergerry, GNU-Lizenz

Das kalte und unwirtliche Weiße Meer hat noch einen Namensvetter, wenn auch nicht in deutscher Sprache: Die Ägäis wird bis heute im Türkischen, Bulgarischen, Serbischen und Makedonischen als Weißes Meer bezeichnet. Aber damit sind wir bereits mitten im Lauf der Weltgeschichte, denn man muss weit zurückgehen, um zu den Ursprüngen dieses Namens zu gelangen – wie weit genau, da sind sich die Historiker allerdings auch nicht einig. Sicher ist: Im asiatischen Raum gab es, wahrscheinlich ausgehend vom alten China, die Tradition, den vier Himmelsrichtungen Farben zuzuordnen. Weiß war dabei der Westen, Schwarz der Norden, Rot der Süden und Grün der Osten. Von der heutigen Türkei aus gesehen liegt die Ägäis im Westen, weshalb auch der Begriff "Weißes Meer" naheliegt.

Hier schließt sich gleich die Frage an, woher das Schwarze Meer seinen Namen hat. Ebenfalls von der heutigen Türkei aus gesehen liegt es im Norden, weshalb die Zuordnung zur Farbe Schwarz durchaus sinnvoll ist. Die Frage ist jedoch, wer  dem Meer seinen Namen gegeben hat. Stammt der Name aus der Zeit der Perser oder der Zeit des Osmanischen Reiches, wäre diese Erklärung durchaus schlüssig, geht er jedoch auf eines der in den eurasischen Steppen lebenden Nomadenvölker zurück, wäre sie Unsinn: Von dort aus gesehen liegt das Meer ja nicht im Norden, sondern im Süden.

Das Schwarze Meer ist häufig sehr trübe – Schwarz ist es dennoch nicht. Foto: tomislavmedak, CC-Linzenz
Schwarzes Meer, Foto: tomislavmedak, CC-Linzenz

Die Himmelsrichtungstheorie ist jedoch nur eine der Möglichkeiten, wie das Schwarze Meer zu seinem Namen kam. Die Griechen, die etwa 700 vor Christus das nur durch eine schmale Wasserstraße mit dem Mittelmeer verbundene Gewässer erreichten, nannten  es "pontos axeinos" –  unwirtliches Meer – wie der griechische Dichter Pindar um 475 vor Christus festhielt. Unklar ist, ob sich die Griechen dabei auf eine noch ältere Tradition bezogen. Tatsächlich ist das Wasser des Meeres sehr trüb – häufig kann man nur einen halben Meter in die Tiefe blicken. Möglich ist also, dass der Name doch etwas mit der Farbe zu tun hat.

Ob dies auch beim Roten Meer zutrifft, ist bis heute umstritten. Geht man hier wieder von den Himmelsrichtungen aus, ist es genau der passende Name, denn das Rote Meer liegt im Süden. Es gibt jedoch eine Reihe weiterer Erklärungen: So leben im Wasser Blaualgen, die das Wasser während ihrer Blüte rötlich färben können. Andere Quellen sprechen von den rötlichen Felsen, die das Meer umgeben, oder von Staub vulkanischen Ursprungs, der ins Meer gewaschen wurde. Wieder andere Quellen führen den Namen auf die Bezeichnung "Erythraia" zurück, mit der die Griechen diese Region Nordostafrikas bezeichneten. Sie hat ihren Ursprung im Begriff "erythros", rot, bezieht sich auf das dort vorherrschende rötlichen Gestein und findet sich bis heute in der Bezeichnung des Landes Eritrea wieder. Aus dem zugehörigen Meer wurde somit das Rote Meer.

Fast verschwunden ist heute schließlich ein Meer, das eigentlich keines ist und ausgerechnet das Blaue Meer heißt: So wird der einst viertgrößte See der Welt, der Aralsee, auch genannt, von dem heute aufgrund von gewaltigen Bewässerungsprojekten in seinen Zuflüssen nur noch einige kümmerliche Reste übrig geblieben sind. (ud)