07.03.2007

Farbkünstler der Steinzeit

Seit mindestens 30.000 Jahren versteht sich der Mensch auf die Herstellung von Farbstoffen

Schon früh frönten Menschen der Malerei. Bereits vor mehr als 30.000 Jahren ritzten sie Zeichnungen oder Reliefs ins Gestein oder nutzten die Struktur des Felsens, um dreidimensionale Bilder zu erschaffen. Die Künstler stellten zum Teil ihre Farben aufwendig selber her und zauberten – mit Naturhaarpinsel und Sprühtechnik vertraut – mit so hoher Fertigkeit Bilder auf den Fels, dass sie es mit heutigen Kunstwerken durchaus aufnehmen können.

Rund 30.000 Jahre alt sind die künstlerisch hochwertigen Malereien in der französischen Chauvet-Höhle. Foto: Wikipedia.de
Rund 30.000 Jahre alt sind die künstlerisch hochwertigen Malereien in der französischen Chauvet-Höhle. Foto: Wikipedia.de

Eine Gruppe schwarzer Wollnashörner zieht vorbei, dicht gefolgt von einer Herde Bisons. Etwas weiter tapsen rote Bären daher, Löwenköpfe lugen hervor und Mammuts machen sich breit – in der Höhle von Chauvet in der Nähe des französischen Örtchens Vallon-Pont d’Arc huschen rund vierhundert Tierbilder über die Felswände. Sie sind vor mehr als 30.000 Jahren entstanden und gelten somit als die ältesten bekannten Höhlenmalereien der Welt. Die auch als "Sixtinische Kapelle der Vorzeit" bezeichnete Chauvet-Höhle ist eine von über dreihundert in Europa bisher entdeckten Höhlen mit Felsbildern. Doch auch in den USA, Afrika und Australien haben sich schon vor langer Zeit Menschen auf Felsbildern verewigt – nicht unbedingt nur in Höhlen, sondern auch unter Überhängen oder auf Felsflächen und -blöcken.

 

Die steinzeitlichen Künstler verfügten bereits über diverse Bearbeitungs- und Maltechniken, die noch heute verwendet werden. So ritzten sie zum Beispiel mit Feuerstein Bilder in den Fels, entweder nur als Linien oder in Form ganzer Reliefs. Oftmals bezogen sie die natürlichen leichte Erhebungen, Risse und Vorsprünge des Felsens in ihre Darstellungen mit ein und schufen so kunstvolle dreidimensionale Bilder. Die Farbe für Konturen trugen sie mit ihren Fingern, Holzkohlestücken oder Pinseln aus Tierhaaren auf. Die Flächen füllten sie, indem sie die Farbe mit ihrem Mund oder Röhrenknochen aufsprühten, oder in der Art der heutigen Pastellmalerei beim Auftragen mit dem Finger oder der Handfläche verwischten.

Auch im südlichen Afrika gibt es zahlreiche Felsmalereien, die teilweise über 10.000 Jahre alt sind. Foto: Ulrich Dewald
Auch im südlichen Afrika gibt es zahlreiche Felsmalereien, die teilweise über 10.000 Jahre alt sind. Foto: Ulrich Dewald

Auch die Farbe selbst bearbeiteten sie schon fachmännisch. Zwar standen ihnen größtenteils nur die Farben Rot in allen Tönungen und Schwarz inklusive Grauabstufungen zur Verfügung. Seltener benutzten sie auch Gelb, Braun oder Weiß. Das lag vor allem an den natürlichen Pigmenten, die ihnen zur Verfügung standen. Für das Rot verwendeten sie Eisenerze wie Hämatit, auch Rötel genannt, und Magnetit sowie Ocker, ein Gemisch verschiedener Verwitterungsprodukte von Eisenerz. Schon damals verstanden sich einige Höhlenmaler auch auf das Erhitzen von eisenhaltigem Gestein und gelangten so zu einem haltbaren leuchtenden Rot.

 

Zudem reinigten die Steinzeitkünstler ihre Farben, indem sie unerwünschte Begleitstoffe auswuschen. Damit die Farben besser deckten, setzten sie ihnen zum Beispiel Ton, Talk, Feldspat oder Granit zu. Auf tonhaltigen Wänden vermischten die Höhlenmaler die Farben einfach direkt mit dem Untergrund. War der Fels jedoch rau und feucht, verwendeten sie wahrscheinlich Öle, Fette und Harze als Beimischung zu den Farben. Auch das mineralienhaltige Wasser aus den Höhlen, Blut oder auch der eigene Speichel wird von einigen Wissenschaftlern als mögliches Mischmaterial angesehen. Für besondere optische Effekte sorgte in manchen Höhlen zusätzlich fein verteiltes Katzengold, Biotit genannt, das einen schönen Glimmer auf die Oberfläche zauberte.

 

Derartige Fertigkeiten sprechen für ein umfangreiches Wissen der Steinzeitmaler, um Perspektiven, Maltechniken, Färbemittel und deren Eigenschaften. Ihm verdankt die Menschheit heute auch den Erhalt der meisten Farben bis in die Gegenwart. Was die damaligen Künstler nicht ahnen konnten: Bestaunen zu viele Menschen ihre Werke, zerstört ihr feuchter Atem die Farben – die meisten Höhlen sind daher für den Publikumsverkehr geschlossen worden, nachdem Algen die Wände befielen oder die Farben anfingen zu schimmeln. Um die Steinzeitkunst trotzdem zugänglich zu machen, wurden zum Beispiel von Teilen von Lascaux und Chauvet in der Nähe der Originalhöhlen ganze Höhlenduplikate erschaffen.