05.09.2012

Frauen sehen Farben anders als Männer

Amerikanisches Forscherteam entdeckt Hinweise auf Geschlechtsunterschiede bei der Verarbeitung von Farbsignalen

Der sprichwörtliche "kleine Unterschied" betrifft auch das Farbensehen:
Frauen können statische Farbkontraste besser wahrnehmen, Männer dagegen registrieren zeitlich schnell wechselnde Kontrastunterschiede detaillierter. Das sagen amerikanische Wissenschaftler nach Tests mit rund fünfzig Freiwilligen. Die Differenzen in der Wahrnehmung beruhen unter anderem auf den unterschiedlichen Testosteronspiegeln – und ihre evolutionäre Wurzeln reichen wohl bis zu den ersten Jäger-und-Sammler-Kulturen zurück.

Ob die Savannen, in denen die ersten Jäger-Sammler-Kulturen lebten, so ausgesehen haben, wissen wir heute nicht. Aber für die Jagd war ein schnelles Erkennen von Kontrasten hier sicherlich von Vorteil. Foto: schiffner, Photocase.com
Savanne, Foto: schiffner, Photocase.com

Dass Männer und Frauen die Welt unterschiedlich wahrnehmen, ist nicht nur ein Ergebnis küchenpsychologischer Betrachtungen, sondern auch handfester Hirn- und Wahrnehmungsforschung: So konnten Wissenschaftler nachweisen, dass Frauen auf akustische Reize anders reagieren als Männer. Auch die Nasen und Zungen arbeiten bei Männern und Frauen offensichtlich anders. Der Grund für diese Unterschiede liegt darin, dass die Empfindlichkeit der für die Verarbeitung solcher Sinnesreize zuständigen Hirnregionen unter anderem auch von den Konzentrationen männlicher und weiblicher Sexualhormone abhängt.

Dies betrifft auch die für die Wahrnehmung visueller Reize zuständigen Hirnregionen: So haben Untersuchungen gezeigt, dass Männer aufgrund der hormonellen Unterschiede hier etwa zwanzig Prozent mehr Nervenzellen aufweisen als Frauen. Ob und welche Auswirkungen dies jedoch auch auf das Farbensehen hat, wurde aus unerfindlichen Gründen bisher noch nicht untersucht – eine Lücke, die der Psychologe Israel Abramov von der City University of New York und seine Kollegen mit ihrer Studie nun geschlossen haben.

Für die frühen Sammlerinnen war es günstig, feine Farbnuancen unterscheiden zu können und so reif von unreif oder giftig und ungiftig zu trennen. Foto: läns, Photocase.com
Beeren, Foto: läns, Photocase.com

Die Forscher zeigten in den Tests den etwa fünfzig Probanden an einem Computermonitor zeitlich und räumlich wechselnde helle und dunkle Streifen. Die Versuchspersonen hatten zu beurteilen, ob und wann sie die Streifen noch unterscheiden konnten. Dabei variierten die Wissenschaftler sowohl die Helligkeitsunterschiede zwischen den Streifen als auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Kontraste zwischen ihnen veränderten. Auf diese Weise erhielten die Forscher genaue objektivierbare Messdaten.

Die Auswertung ergab deutliche Unterschiede bei Männern und Frauen: Veränderten sich die Kontraste zeitlich nur sehr langsam – was annähernd einem statischen Bild entspricht – zeigten die Frauen ein etwas besseres Unterscheidungsvermögen als die Männer. Bei schnell wechselnden Kontrasten lagen die Männer jedoch eindeutig vorn.

Über die entwicklungsgeschichtlichen Hintergründe, die zu diesen Unterschieden geführt haben, könne man nur spekulieren, erklärt Studienleiter Israel Abramov: Möglicherweise habe eine solche Aufteilung der Fähigkeiten in den frühesten Jäger-und-Sammler-Kulturen evolutionäre Vorteile gebracht. Für die hauptsächlich von Männern betriebene Jagd war das schnelle Erkennen von Beute oder sich nähernden Räubern vorteilhaft, während die Frauen beim Sammeln von Früchten, Kräutern und von einer besseren Wahrnehmung von Kontrasten profitierten. (ud)