04.02.2015

Frühes Plädoyer für mehr Farbe

Der Architekt Gottfried Semper war im 19. Jahrhundert ein Fürsprecher für Farbigkeit am Bau

"Der häufige Missbrauch, der mit Materialien und Farben so leicht gemacht wird, darf für uns kein Grund sein, jede Farbe zu verbannen, und alles was nicht grau, weiß oder erdfahl ist, kurzweg für bunt zu erklären". Dieser Satz stammt nicht etwa von einem Farbdesigner der Gegenwart, sondern aus dem 19. Jahrhundert: Der Architekt Gottfried Semper schrieb ihn 1834 nieder. Sein Plädoyer für den bewussten Einsatz von Farbe am Bau wird bis heute immer wieder zitiert und hat nichts von seiner Aktualität verloren.

Bei moderner Architektur denken viele heute an weiße Gebäude – dabei gab und gibt es immer Architekten, für die Farbe ein zentrales Element eines Entwurfs darstellt. Foto: himberry, Photocase.com
Weiße Architektur. Foto: himberry, Photocase.com

Beim Namen Semper denken die meisten Menschen an das weltberühmte Opernhaus, das der 1803 in Hamburg geborene Baumeister in Dresden entworfen und gebaut hat. Der Bau entstand jedoch erst in den letzten Lebensjahren des Architekten, der 1879 in Rom starb. Neben diesem und zahlreichen anderen Entwürfen bedeutender Bauten war jedoch auch die Beschäftigung mit Farbe ein Thema seines Lebenswerkes. Dazu gehört auch das bereits 1834 erschienene Buch "Vorläufige Bemerkungen über bemalte Architectur und Plastik bei den Alten", aus dem das Zitat stammt.

Semper, der bereits als junger Mann Anfang der 1830er-Jahre nach Italien und Griechenland gereist war, um die Bauten der Antike im Original zu studieren, befasst sich darin mit ihrer Farbigkeit. Er beteiligte sich damit am sogenannten Polychromiestreit, in dem Archäologen und Kunsthistoriker darüber debattierten, ob die antiken Bauten tatsächlich von so edlem und reinem Weiß waren, wie sie sich heute erhalten haben.

Die griechischen Tempel, hier der Parthenon in Athen, erscheinen heute in edlem Weiß – dabei waren sie ursprünglich farbig. Foto: Barcex, CC-Lizenz via Wikimedia Commons.
Parthenon. Foto: Barcex, CC-Lizenz

Der Architekt und Kunsthistoriker ging vielmehr davon aus, dass die Tempel, Theater und Skulpturen farbig waren – eine Farbigkeit, die über die Jahrhunderte hinweg nach und nach verschwunden war, da die eingesetzten Farbstoffe dem Einfluss von Sonne, Wind und Regen nicht standgehalten hatten. Zurück blieb das Weiß, wie wir es heute von antiken Bauten kennen. Dass Semper mit seinen Aussagen Recht hatte, zeigte sich über hundert Jahre nach seinem Tod, als Forscher mit modernen wissenschaftlichen Methoden die Farbreste antiker Bauten und Kunstgegenstände untersuchen konnten.

Semper beschränkte sich jedoch nicht auf den Blick in die Vergangenheit. Für ihn war vielmehr von Bedeutung, was die Farbigkeit antiker Bauten für die Architektur der Gegenwart bedeutete. Hier zeigte er sich als ein glühender Verfechter der Farbe in der Architektur: Ausgehend von der Farbigkeit der griechischen und römischen Baukunst weist er in dem bereits zitierten Buch darauf hin, dass es auch in der hiesigen Architekturgeschichte zahlreiche Beispiele von "altdeutscher farbiger Baukunst" gebe, in denen Farbe gekonnt eingesetzt wurde.

Auf seinen Reisen nach Griechenland und Italien versuchte Gottfried Semper, die ursprüngliche Farbigkeit der antiken Bauten nachzuvollziehen. Repro: public domain
Semper Parthenon. Repro: public domain

Farbigkeit sei keineswegs ein Privileg des sonnigen Südens: "Was die Sonne nicht färbt, bedarf umso mehr des Colorits", schreibt er, um schließlich zu fragen: "Sind unsere Wiesen, unsere Wälder, unsere Blumen grau und weiß?" Und als hätte er die Armut an Farbe vorausgeahnt, die mehr als 150 Jahre später die Entwürfe so mancher Architekten prägen werden: "Farben sind minder schreiend als das blendende Weiß unserer Stuckwände".

Bei Farbdesignern stoßen diese Sätze auf großen Zuspruch: Sempers Plädoyer für mehr Farbigkeit in der Architektur findet sich in zahlreichen Aufsätzen und taucht als Zitat in Profilbeschreibungen auf, in denen Gestalter und Architekten ihre Arbeit vorstellen. Neben der Kritik am Hang zum Weiß und Grau wird immer wieder auch auf den von Semper beschriebenen Missbrauch der Farbe hingewiesen – wenn etwa in dem Bestreben, noch irgendwie Farbe in den Entwurf zu bringen, ohne schlüssiges Konzept Farbflächen geschaffen werden.

In diesem Spannungsfeld zwischen Vernachlässigung und Missbrauch von Farbe bewegten sich die Architekten zu Zeiten Sempers. Und das tun viele von ihnen bis heute.  (ud)