26.11.2003

Für Wale und Robben ist das Meer nicht blau

Die Meeressäuger sind farbenblind: Sie haben nur Lichtsinneszellen für den grünen Anteil des Lichts

Wale und Robben haben ein völlig anderes Farbsehen als der Mensch. Ihnen fehlen in der Netzhaut die Lichtsinneszellen für den blauen Anteil des Lichts. Die Meeressäuger haben lediglich so genannte Grün-Zapfen, die Licht im mittleren Wellenlängenbereich absorbieren. Damit sind sie farbenblind – im Gegensatz zu den meisten landlebenden Säugern, die sowohl Blau- als auch Grün-Zapfen besitzen.

Für Wale und Robben ist das Meer nicht blau
Der Verlust der für Blau empfindlichen Lichtsinneszellen ist für die Meeressäuger ein Nachteil. Durch raffinierte Hörsysteme haben sie diesen jedoch teilweise wieder ausgeglichen.

Der Verlust des Blau-Zapfens ist für die Tiere ein großer Nachteil, da blaues Licht am weitesten in die Tiefe klaren Meerwassers dringt. Ohne die im Blaubereich arbeitenden Lichtsinneszellen sind sowohl die Helligkeits- als auch die Kontrastwahrnehmung in diesem Wellenlängenbereich stark eingeschränkt. Daher war es für das deutsch-schwedische Forscherteam, das dieses Phänomen entdeckte, zunächst ein Rätsel, warum Walen und Robben ausgerechnet dieser Zapfentyp fehlt. Die Wissenschaftler um Leo Peichl vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt hatten die Retina von 14 verschiedenen Arten aus den Gruppen der Zahnwale (Delfine), der Seehunde und der Seelöwen untersucht. Dazu verwendeten sie die Augen gestrandeter oder in Zoos gestorbener Tiere.

Der Blau-Zapfen-Defekt muss jedoch einen Vorteil für die Meeressäuger gebracht haben, da er sich bei den stammesgeschichtlich nicht miteinander verwandten Walen und Robben jeweils unabhängig voneinander entwickelte. Der Defekt trat sehr früh in der Evolution auf, als die Vorfahren der heutigen Wale und Robben zurück ins Meer gingen, vermuten Peichl und seine Kollegen. Dort bewohnten sie zunächst die küstennahen Gewässer, in denen das Licht unter Wasser durch viele anorganische und organische Trübstoffe eher grünlich ist.

Hier war der Verlust des Blau-Zapfens durchaus von Vorteil, da er die Informationsverarbeitung im Gehirn vereinfachte. Dadurch hatten die Tiere mehr Kapazitäten für andere Leistungen. So entwickelten beispielsweise viele Wale ein Echoortungssystem. Doch für die Arten, die später weiter ins offene Meer zogen, war der Verlust der Blau-Zapfen sicher ein großer Nachteil. Doch der zugrundeliegende genetische Defekt scheint so gravierend zu sein, dass er nicht so einfach rückgängig zu machen ist.