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15.07.2009

Ganz in Weiß:

Helle Dächer, Autos und Straßen sollen zum Klimaschutz beitragen

Reflexion des Sonnenlichts ins Weltall bremst die Erderwärmung und spart Energiekosten

Der Vorschlag klang absurd, doch er kam aus berufenem Munde: Würden die Dächer der großen Metropolen – möglichst aber der ganzen Welt – weiß gestrichen, reflektierte diese Farbe so viel Sonnenlicht zurück ins Weltall, dass dies einen gewichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten könnte. Das sagte der US-amerikanische Energieminister Steven Chu unlängst auf einem Treffen von Nobelpreisträgern in London. Der Mann gilt als einer der Hoffnungsträger in Barack Obamas Kabinett und sollte wissen, wovon er spricht: 1997 erhielt er selbst den Nobelpreis für Physik. Doch welche Fakten stehen wirklich hinter dieser Idee? Ist sie mehr als ein Gag auf der Suche nach Aufmerksamkeit in den Medien?

Im Mittelmeerraum hat das Bauen in Weiß bereits eine jahrhundertelange Tradition. Foto: daniel.schoenen, Photocase.com
Im Mittelmeerraum hat das Bauen in Weiß bereits eine jahrhundertelange Tradition. Foto: daniel.schoenen, Photocase.com

Einer, der sich seit Jahren mit dem Thema weißer Dächer befasst, ist der amerikanische Physiker Hashem Akbari. Am renommierten Lawrence Berkeley National Laboratory untersucht er, wie die Metropolen dieser Welt vor den Hitzeglocken geschützt werden könnten, unter denen sie im Sommer verschwinden, in denen sich heiße Luft und Abgase stauen und wo auch nachts die Temperatur kaum abfällt. "Hitzeinseln" nennen Wissenschaftler solche Regionen, die längst nicht nur auf tropische oder subtropische Breiten beschränkt sind.

Auf der Suche nach Lösungen befasst sich Akbari unter anderem mit "Cool Roofs" und "Cool Pavements" – kühlenden Dächern und ebenso kühlen Straßenbelägen. Das Prinzip ist simpel: Wie stark sich ein Objekt im Sonnenlicht aufheizt, hängt davon ab, welchen Anteil des eingestrahlten Sonnenlichts es reflektiert. Ein schwarzes Dach wird sehr viel heißer als ein rotes, ein rotes wiederum heißer als ein weißes. Entscheidend ist dabei das Verhältnis von eingestrahltem zu reflektiertem Licht. Schwarze Oberflächen reflektieren nur wenige Prozent des Sonnenlichts, rote Dachziegel immerhin rund 35 Prozent, weiß gestrichene Oberflächen kommen hingegen auf mehr als 75 Prozent.

Welchen Einfluss weiße Dächer und helle Straßen auf das Weltklima haben könnten, hat Akbari in einer eindrucksvollen Abschätzung dokumentiert: Dicht besiedelte Regionen machen demnach etwa ein Prozent der Landfläche der Erde aus. Davon bestehen rund 25 Prozent aus Dächern und 35 Prozent aus versiegelten Oberflächen. Würde man all diese Oberflächen aufhellen, würde das die Wärmeaufnahme der Erde um einen Wert vermindern, der einer Emission des Treibhausgases Kohlendioxid von 44 Milliarden Tonnen entspricht. Das ist deutlich mehr als die Menschheit jährlich in die Atmosphäre entlässt.

Weiße Architektur: Nach Meinung des US-Energieministers sollte sie sich bald auf der ganzen Welt verbreiten. Foto: view7, Photocase.com
Weiße Architektur: Nach Meinung des US-Energieministers sollte sie sich bald auf der ganzen Welt verbreiten. Foto: view7, Photocase.com

Mit anderen Worten: Mit hellen Oberflächen in den Großstädten der Welt ließe sich die Klimaerwärmung bremsen und die Menschheit könnte etwas Zeit gewinnen, um neue Lösungen für ihre Energieversorgung zu entwickeln. Genau das fordert auch Akbari, der ein Programm der Vereinten Nationen vorschlägt, in den hundert größten Metropolen "Cool Roofs" und "Cool Pavements" durchzusetzen. In Kalifornien, wo Akbari forscht, ist dieser Ansatz bereits ein Stück weit Realität: Seit 2005 müssen dort Flachdächer weiß sein. In dem "Sonnenstaat", wo ein großer Teil des Energieverbrauchs in Gebäuden auf das Konto von Klimaanlagen geht, wirkt sich dies sogar auf zweierlei Weise aus: Da sich Gebäude mit weißem Dach innen weniger aufheizen, sinkt auch der Energieverbrauch, was das Klima zusätzlich entlastet. Auch Konzerne wie der Handelsriese Wal-Mart sind schon auf den Klimaschutz-Zug aufgesprungen und haben inzwischen drei von vier ihrer Märkte in den USA mit weißen Dächern ausgestattet.

Doch würde sich eine solche Pflicht auch in Ländern wie Deutschland durchsetzen lassen? Am grundsätzlichen Willen zum Klimaschutz dürfte es den Deutschen zwar nicht mangeln. Sich jedoch eine deutsche Stadt mit ihren Straßen und Ziegeldächern in strahlendem Weiß vorzustellen, dürfte so manchen Architekten und Stadtplaner erschaudern lassen.

So ganz abwegig ist der Vorschlag dennoch nicht, ruft man sich die Architektur vieler Mittelmeerländer vor Augen: Dort wurde schon Jahrhunderte vor Steven Chu und der Klimadebatte ganz in Weiß gebaut. (ud)