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06.07.2011

Gefährliches Blei

Der Einsatz schwermetallhaltiger Farben prägte viele Jahrzehnte lang den Arbeitsalltag am Bau

Die Symptome waren gefürchtet, eine Besserung trat oft erst nach Jahren ein: Chronische Bleivergiftungen waren lange Zeit eine häufige Berufskrankheit unter Malern und Lackierern. Betroffene litten an Magen-Darm-Beschwerden, an Blutarmut, hatten Herzprobleme und neurologische Ausfälle. Der Grund für die schleichende Vergiftung mit dem Schwermetall waren bleihaltige Farben und Anstrichstoffe: Bleiweiß wurde wegen seiner Beständigkeit häufig eingesetzt, während die Bleimennige als besonders wirkungsvoller Korrosionsschutz für Eisen und Stahl geschätzt war. Heute ist der Einsatz solcher bleihaltiger Farben bereits Geschichte – bis auf wenige Ausnahmen.

Gründerzeitfassaden wurden früher häufig mit Bleiweiß gestrichen. Bei Sanierungen ist an denkmalgeschützten Gebäuden der Einsatz dieser Farbe noch erlaubt. Foto: soundboy, Photocase.com
Gründerzeit, Foto: soundboy, Photocase.com

Man findet sie in den Gemälden alter Meister ebenso wie an den Gründerzeitfassaden besonders im Westen und Norden Deutschlands: Ölfarbe auf Bleiweißbasis hat eine lange Tradition und war vor allem wegen ihrer Widerstandsfähigkeit beliebt. Doch die Arbeit mit dem Pigment war nicht unkritisch, denn angeboten wurde es lange Zeit vor allem als Trockenfarbe in Pulverform. Zur Verarbeitung musste die Bleicarbonat-Verbindung in ein Bindemittel eingerührt werden. Fast unvermeidlich war es dabei, dass der Handwerker Bleistaub einatmete. Erst als Bleiweiß nur noch als Paste geliefert wurde, gingen in diesen Berufen die Bleivergiftungen deutlich zurück.

Wesentlich großzügiger ging man noch lange mit der sogenannten Bleimennige um: Über Jahrzehnte stand dieses Bleioxidpulver als Trockenfarbe in den Regalen der Maler. Das orangerote Pigment staubt bei normalem Umgang nicht und kann daher ohne Gefährdung mit dem Leinölfirnis angerührt werden. Bis in die 1960er Jahre bereiteten Maler so ihren Anstrichstoff selbst zu. Da sich im angerührten Gebinde schnell ein Bodensatz bildet, der nicht mehr aufzurühren ist, wurde immer nur so viel Bleimennige-Farbe vorbereitet, wie gerade benötigt wurde.

Bleimennige galt früher als der beste Korrosionsschutz für Stahlkonstruktionen – doch heute hat die Industrie längst Alternativen ohne das giftige Schwermetall entwickelt. Foto: bruzzomont, Photocase.com
Eisenträger,  Foto: bruzzomont, Photocase.com

Erst später gab es fertige Produkte, die zu 25 bis 33 Prozent aus Bleioxiden bestanden. Eingesetzt wurden solche Mennige-Grundierungen als Korrosionsschutz, beispielsweise um den bei der Betonsanierung freigelegten und entrosteten Baustahl zu schützen. Für den Schutz von Stahlbrücken und Eisenträgern gab es spezielle Anstrichstoffe wie die sogenannte Bundesbahnmennige, die nach den Vorschriften der damaligen Deutschen Bundesbahn hergestellt wurde.

Für die Verarbeitung bleihaltiger Farbe gab es zwar bereits schon in den 1930er Jahren Sicherheitshinweise wie das "Bleimerkblatt". Dennoch war die Arbeit gerade von Korrosionsschützern, die an Brücken, Hochspannungsmasten und Masten von Oberleitungen hängend mit diesen Anstrichstoffen arbeiten mussten, nicht nur hart und gefährlich, sondern häufig gesundheitsschädlich. "Eisenwichser" wurden im Baujargon jene Arbeiter genannt, die diesen widrigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt waren.

Einer von ihnen, der Malermeister Heinrich Henkel, setzte diesen Männern mit einem 1970 uraufgeführten gleichnamigen Theaterstück sogar ein Denkmal. In einer Zeit, in der die Kluft zwischen den Bildungsbürgern, die ins Theater gingen, und den Arbeitern in Industrie und Handwerk noch weitaus größer war als heute, wurde das Stück ein Riesenerfolg – um es mit den Worten des bekannten Schauspielers Claus Theo Gärtner zu sagen: Es war "Bildungstheater für alle, die keine Ahnung haben, was Arbeit ist". Gärtner selbst spielte 1972 die Hauptrolle in der Verfilmung des Bühnenwerks.

Die Arbeit auf Brücken und in den Masten von Stromleitungen ist nicht nur anstrengend und gefährlich – sie war früher auch mit der Gefahr einer Bleivergiftung verbunden. Foto: Michael Bablick
Arbeiter,  Foto: Michael Bablick

Heute beschränkt sich der Einsatz bleihaltiger Farben auf wenige Ausnahmen: Bleiweiß darf seit 1993 in Deutschland nur noch bei Kunstwerken und in denkmalgeschützten Gebäuden zum Erhalt und zur Erneuerung des historisch verwendeten Materials benutzt werden. Bleimennige ist in Deutschland noch zugelassen, darf jedoch nur noch an Fachbetriebe verkauft werden und wird nur noch sehr selten eingesetzt.

Doch Handwerker und Arbeiter haben sich bis heute mit den Folgen des "Bleizeitalters" auseinanderzusetzen: Alte, bleihaltige Anstriche dürfen nicht wie sonst üblich trocken an- oder abgeschliffen werden. Größere Objekte müssen bei Strahlarbeiten mit Folien umschlossen – eingehaust, wie die Fachleute sagen – werden, damit kein bleihaltiger Strahlstaub freigesetzt wird. Geschieht dies nicht, kann der Bleieintrag in den Boden in der Umgebung so groß sein, dass Gefahr für Pflanzen, Tiere und letztlich auch den Menschen droht: So starben Anfang der 1990er Jahren im Kanton Zürich mehrere Rinder, die Gras aus der Umgebung eines Stahlobjekts gefressen hatten.

Das Ende des massenhaften Bleieinsatzes am Bau hat nicht etwa dazu geführt, dass die Korrosion von Brücken und anderen Stahlkonstruktionen heute ungebremst voranschreitet: Längst hat die Industrie ebenso wirksame, ungiftige Alternativen entwickelt. Und auch für das Bleiweiß fanden sich Pigmente, die ohne Gesundheitsgefährdung verarbeitet werden können. (ng/ud)