02.11.2011

Gefürchtete blaue Post

In blauen Briefumschlägen wurde schon zur Zeit Friedrichs des Großen wichtige und oft brisante Amtspost verschickt

Schüler fürchten ihn ganz besonders, manche Angestellte und Beamte haben gewaltigen Respekt vor ihm und selbst Finanzminister zittern, wenn er angekündigt wird: Die Rede ist vom "blauen Brief", der in vielerlei Gestalt in der deutschen Sprachwelt Angst und Schrecken verbreitet. Dabei sind die Zeiten, in denen unangenehme amtliche Mitteilungen tatsächlich in blauen Umschlägen verschickt wurden, längst Vergangenheit. Die Ursprünge der Redensart gehen bis auf die Zeit Friedrichs des Großen zurück.

Auch wenn amtliche Dokumente heute in der Regel nicht mehr in blauen Umschlägen verschickt werden – von blauen Briefen ist dennoch oft die Rede. Foto: maria_a, Photocase.com
Blauer Umschlag, Foto: maria_a, photocase.de

Wer heutzutage per Post die Geheimzahl für eine Scheckkarte erhält, kennt die doppelt verklebten, mit schwarzem Papier hinterlegten Umschläge, in denen der Code verschickt wird – dicht gegen neugierige Blicke potenzieller Ganoven. Das historische Pendant dazu waren die dichten bläulichen Umschläge, in denen beim preußischen Militär wichtige Mitteilungen versandt wurden. Überliefert ist dazu ein Zitat eines ranghohen Militärs, der unter Berufung auf Kaiser Wilhelm I im Jahr 1877 schrieb: "Seine Majestät der Kaiser und König haben Sich dahin auszusprechen geruht, dass Allerhöchst dieselben den althergebrachten, seit der Regierungszeit Sr. Majestät Friedrichs des Großen in Übung befindlichen Brauch, wonach die Allerhöchsten Kabinettsordres in blauen Briefumschlägen verschlossen werden, aufrecht zu erhalten."

Zu jener Zeit hatte der Versand blauer Briefe beim preußischen Militär also offenbar schon eine hundertjährige Tradition. Verschickt wurden darin meist Schriftstücke mit persönlichem Inhalt, in denen beispielsweise Beförderungen oder Versetzungen mitgeteilt, aber auch Mahnungen und Entlassungen ausgesprochen wurden. Sie waren jedoch nur den höchsten Dienstgraden der Armee vorbehalten. Eine anderweitige Benutzung blauer Briefumschläge im Dienstverkehr der Armee sei tunlichst zu vermeiden, stellte Kaiser Wilhelm 1877 ebenfalls klar.

Die preußischen Uniformen waren blau, deren Überreste ein guter Rohstoff für die Papierherstellung. Repro: public domain
Preußisches Militär, Repro: public domain

Das Blau der Umschläge war wahrscheinlich kein Zufall: Blau waren über mehrere Jahrhunderte hinweg auch die Uniformen der preußischen Armee. Die lumpigen Überreste abgetragener Waffenröcke wurden nicht ungenutzt weggeworfen, sondern waren Rohstoff für die Herstellung von Papier, denn Holz wurde dazu erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet. Daher hatte das aus den Uniformresten hergestellte Papier eine bläuliche Farbe.

Der Erhalt eines Briefes im blauen Umschlag muss damals ein bedeutendes Ereignis für die Empfänger gewesen sein. Jedenfalls nahm die Redewendung vom "blauen Brief" im Lauf der Jahrhunderte Eingang in den deutschen Sprachschatz und wurde schließlich überall da verwendet, wo von schriftlich versandten Mitteilungen in der Regel unangenehmen Inhalts die Rede ist.

So wird Eltern in blauen Briefen mitgeteilt, dass die Versetzung des Sprösslings in die nächste Klasse gefährdet ist, bei Disziplinarverfahren für Beamte mit schriftlichen Verwarnungen fällt der Begriff ebenfalls häufig, und zu Beginn des 21. Jahrhunderts war die Redewendung schließlich auch in der europäischen Finanzpolitik angekommen – drohte doch manchem EU-Mitglied, das zu viele neue Schulden aufnahm und damit die Stabilitätskriterien verletzte, ein blauer Brief der EU-Kommission in Brüssel. Dass die Mitteilungen – so sie denn überhaupt als richtige Briefe verschickt werden – keineswegs in blauen Umschlägen stecken, daran stört sich längst niemand mehr, so sehr hat sich die Redewendung bereits verselbstständigt. (ud)