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09.04.2014

Gemalte Chroniken des Vulkanismus

Vulkanausbrüche prägen seit Jahrhunderten die Farbgebung bei Landschaftsmalern

Es war im April des Jahres 1815, als in Indonesien der Vulkan Tambora ausbrach und ungeheure Mengen Staub und Asche in die Atmosphäre schleuderte. Fast 12.000 Kilometer davon entfernt, in Greifswald an der Ostseeküste, malte wenige Monate später der deutsche Maler Caspar David Friedrich die "Ansicht eines Hafens". Was beide Ereignisse miteinander zu tun haben? Die rötlichen Farben, in denen der Maler den Himmel in seinem Bild darstellte, gingen auf den vulkanischen Staub in der Atmosphäre zurück. Solche Zusammenhänge sind in der Kunstgeschichte häufig, haben nun Wissenschaftler aus Griechenland und Deutschland in einer Analyse Hunderter von Gemälden aus den Jahren 1500 bis 2000 gezeigt.

Caspar David Friedrich hat in seinem 1815/16 entstandenen Bild "Ansicht eines Hafens" nicht nur eine Seefahreridylle festgehalten, sondern unbewusst auch den Aerosolgehalt der Atmosphäre. Repro: public domain
Caspar David Friedrich, "Ansicht eines Hafens". Repro: public domain

Die Forscher um den Atmosphärenphysiker Christos Zerefos aus Athen hatten zunächst Digitalaufnahmen der Gemälde angefertigt, darunter zahlreiche Werke des britischen Landschaftsmalers William Turner, aber auch Bilder anderer Meister wie Edgar Degas oder Karl Friedrich Schinkel. Die Wissenschaftler untersuchten das Farbenspektrum der Aufnahmen und analysierten dabei das Verhältnis zwischen Rot- und Grünanteilen in einem Streifen entlang des auf den Bildern dargestellten Horizonts.

Die Ergebnisse setzten die Forscher mit dem Gehalt an Aerosolen in der Erdatmosphäre in Beziehung, der in der jeweiligen Entstehungszeit der Bilder vermutlich geherrscht hatte. Dabei berücksichtigten sie insgesamt 54 Vulkanausbrüche, die sich zwischen 1522 und 1991 ereignet hatten und bei denen große Mengen Staub und Asche in die Atmosphäre geschleudert worden waren. Anhaltspunkte, wie groß die weltweite Staubkonzentration aufgrund dieser Eruptionen war, lieferten unter anderem Bohrproben aus dem Eis grönländischer Gletscher. Das Ergebnis der Auswertung: Zwischen dem Rot-Grün-Verhältnis in den betreffenden Bereichen der Bilder und dem Anteil vulkanischen Materials in der Atmosphäre bestand ein überraschend deutlicher Zusammenhang – unabhängig vom Maler und der künstlerischen Schule, der er angehörte.

Edgar Degas malte 1885 dieses Bild – zwei Jahre nach dem Ausbruch des Vulkans Krakatau in Indonesien. Hier analysierten die Forscher einen schmalen Streifen oberhalb des Horizonts. Repro: public domain
Degas, Repro: public domain

Um diese Erkenntnis mit genaueren Messdaten zu untermauern, baten die Forscher einen zeitgenössischen Künstler, auf der griechischen Insel Hydra Sonnenuntergänge zu malen. So entstanden zwei Bilder: eines vor dem Durchzug einer Staubwolke aus der Sahara, ein zweites danach. Obwohl der Künstler nichts von dem Staub aus der Wüste wusste, wählte er unwillkürlich für beide Szenen Farben mit einem unterschiedlichen Rot-Grün-Verhältnis – genau so, wie es seine Kollegen bereits vor zweihundert oder mehr Jahren getan hatten. Die Farbanalyse historischer Gemälde könnte daher Rückschlüsse auf den Aerosolgehalt in der Atmosphäre liefern, gerade, wenn sonst keine Daten verfügbar sind, schließen die Forscher aus ihren Ergebnissen.

Der Ausbruch des Vulkans Tambora hatte übrigens in Europa und Nordamerika weitaus gravierendere Folgen als nur farbenprächtige Sonnenuntergänge: Die aus Asche und Schwefeldioxid bestehenden Aerosole bildeten einen so dichten Schleier um die Erde, dass es zu einer Kältewelle mit starken Regenfällen und Schneefall selbst in den Sommermonaten kam. In dem als "Jahr ohne Sommer" bekannten Jahr 1816 wurden vor allem die Schweiz und die süddeutschen Länder von Missernten und Hunger schwer getroffen.  (ud)