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10.12.2014

Gespenst mit farbigem Heiligenschein

Das Brockengespenst erschreckt und fasziniert seit Jahrhunderten Wanderer auf Gipfeln und Berggraten

Der Wanderer auf dem Berggipfel war beeindruckt: Eine riesenhafte, dunkle Gestalt stand ihm gegenüber, sie schien sich langsam zu bewegen, und ihr Kopf war von einer Art Heiligenschein aus farbigen Ringen umgeben. Der Wanderer hieß Johann Wolfgang von Goethe, der Gipfel war der Brocken, der höchste Berg des Harzes, und die Gestalt ein sogenanntes Brockengespenst mit farbiger Glorie. Dieses Phänomen kann immer dann auftreten, wenn die tief stehende Sonne auf eine Nebelwand trifft.

Wie Riesen wirken die Brockengespenster – und sie winken zurück, wenn der Betrachter ihnen zuwinkt. Foto: ?64, CC-Lizenz
Brockengespenst. Foto: ?64, CC-Lizenz

Der Name "Brockengespenst” war vor Goethe nicht bekannt – der Dichterfürst selbst hat ihn geprägt, als er in seinen Reisebeschreibungen von dem Phänomen berichtet hat. Selbstverständlich war er nicht der erste, der es wahrgenommen hat, und die Himmelserscheinung beschränkt sich auch nicht auf den Brocken, auch wenn der Berg mit über dreihundert Nebeltagen im Jahr dafür geradezu prädestiniert ist. In Bayern beispielsweise ist das vermeintliche Gespenst als Sudelfeldmonster bekannt, dessen Name sich vom Sudelfeldpass in den Bayerischen Alpen herleitet.

Auf historischen Postkarten und in vielen Reisebeschreibungen ist das Phänomen festgehalten. Richtig erklärt hat es im Jahr 1780, drei Jahre nach Goethes Besteigung des Brockens, der deutsche Theologe und Naturforscher Johann Esaias Silberschlag. Die dunkle Gestalt ist schlichtweg der Schatten des Betrachters selbst, der auf die Nebelwand fällt, wenn die Sonne hinter ihm steht, erkannte der Gelehrte. Deshalb ist das Brockengespenst in der Ebene auch nur am Abend oder Morgen zu sehen, wenn die Sonne kurz über dem Horizont steht. Von einem Berggrat oder Berggipfel aus kann es jedoch auch tagsüber beobachtet werden, wenn vom Tal her Nebel den Berg hinaufzieht und der Betrachter die Sonne im Rücken hat.

Besonders häufig sind Glorien an Bord von Flugzeugen zu sehen. Foto: Mbz1, CC-Lizenz
Glorie. Foto: Mbz1, CC-Lizenz

Je kürzer die Entfernung zur Wolken- oder Nebelschicht jeweils ist, desto größer ist der Schatten. Da der Nebel keine plane Oberfläche aufweist, wirkt der Schatten dreidimensional – das Gehirn macht aus dem Bild dann eine riesenhafte Gestalt. Diese scheint sich zu bewegen, da sich die Gestalt des Nebels ja stetig verändert.

Schwieriger ist hingegen die Erklärung der farbigen Glorie, die an einen Heiligenschein erinnert. Hierbei kommt es zu einer Kombination aus Rückstreuung und einer Beugung des Lichts an den feinen Wassertröpfchen. Beugung bedeutet hier keineswegs,  dass das Licht in die Wassertröpfchen eindringt wie beim Regenbogen. Vielmehr wird es an dem von den Tropfen gebildeten Muster abgelenkt. Die Tropfen sind dabei nur einen Bruchteil so groß wie die Regentropfen, die einen Regenbogen entstehen lassen.

Die Beugung des Lichts ist abhängig von der Wellenlänge, weshalb das ursprünglich weiße Sonnenlicht in seine farbigen Bestandteile zerlegt wird. Zu sehen sind dann die Farben des Regenbogens – allerdings auf einen weiteren Winkel verteilt.

Bergsteiger können Brockengespenster samt Glorie häufig sehen, wenn sie sich auf Gipfeln oder Berggraten befinden. Foto: Dmitry N. Zhukov, CC-Lizenz
Brockengespenst. Foto:  Dmitry N. Zhukov, CC-Lizenz

Die Glorie nimmt ein Wanderer immer im sogenannten Sonnengegenpunkt wahr: Das ist jener Punkt, an dem die verlängerte Verbindungslinie zwischen Sonne und dem eigenen Kopf auf die Nebelwand trifft. Da der Winkel, in dem sich die Glorie um diesen Punkt spannt, so klein ist, sieht in einer Gruppe von Wanderern jeder Betrachter in der Regel immer nur die eigene Glorie. Ihre Farbigkeit ist meistens umso größer, je weiter die Nebelwand vom Betrachter entfernt liegt, da sich Beugungseffekte bei größerer Entfernung stärker bemerkbar machen.  
 
Wem der Weg auf den Brocken oder einen anderen von Nebel verhangenen Berg zu mühevoll ist, der kann sich auch in ein Flugzeug setzen, um ein Brockengespenst samt Glorie zu erleben: Flugreisende sehen das Phänomen häufig, wenn sich das Flugzeug im Steig- oder Sinkflug nahe der Wolkendecke befindet. Autofahrer schließlich können bei Nebel einfach ihr eigenes Brockengespenst herbeizaubern: Sie müssen sich dazu nur vor die eingeschalteten Scheinwerfer stellen. (ud)