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09.12.2009

Glänzende Täuschung

Matt oder Glanz? Warum die Beschaffenheit einer Oberfläche immer auch den Farbeindruck mitbestimmt

Glänzend, seidenglänzend, seidenmatt, matt, stumpfmatt: Wer mit Farben und Lacken zu tun hat, kennt diese Begriffe. Doch was ist überhaupt Glanz? Ist es eine objektive physikalische Eigenschaft? Und wie hängt der Farbeindruck mit dem Glanz der Oberfläche zusammen? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen führt bis in die Grundlagen von Wellen und Licht, hat aber auch eine ganz praktische Bedeutung bei der Arbeit mit Farben und Beschichtungen.

Matte Oberfläche und ...
 
Matte Oberfläche ...
... glänzende Oberfläche. Die Farbtonwirkung wird durch den Glanzgrad beeinflußt.
... glänzende Oberfläche. Die Farbtonwirkung wird durch den Glanzgrad beeinflußt.
 

Die Erklärungskette beginnt am einfachsten mit einem Bündel paralleler Lichtstrahlen. Es kann sich dabei idealerweise um Sonnenlicht handeln, das an einem wolkenlosen Tag auf die Erdoberfläche fällt. Trifft dieses Lichtbündel nun auf eine völlig glatte Fläche, wird es reflektiert. Da die Oberfläche keine Rauigkeiten aufweist, sind die Einfallswinkel der einzelnen Lichtstrahlen überall gleich. Gemäß dem physikalischen Grundsatz "Ausfallswinkel gleich Einfallswinkel" besteht dann auch das Bündel reflektierten Lichts aus parallelen Lichtstrahlen.

Für einen Betrachter bedeutet dies, dass die Intensität des in sein Auge fallenden Lichts variiert, wenn sich sein Blickwinkel verändert. Jeder Punkt auf der Oberfläche erscheint daher unter verschiedenen Blickwinkeln unterschiedlich hell. So kommt es zu den typischen Lichtreflexen, die vom Menschen als Glanz empfunden werden. Glanz entsteht also im Zusammenspiel von Licht, das an einer Oberfläche reflektiert wird, und der menschlichen Wahrnehmung.

Ganz anders sieht es hingegen bei rauen Oberflächen aus. Dann weisen die parallelen Lichtstrahlen beim Auftreffen auf die Oberfläche ganz unterschiedliche Einfallswinkel auf und werden daher auch in verschiedene Richtungen reflektiert. Das ursprünglich parallele Lichtbündel wird daher als diffuses, ungerichtetes Licht zurückgeworfen. Ändert ein Betrachter seinen Blickwinkel zur Oberfläche, hat er in jedem Fall einen identischen Helligkeitseindruck. Es gibt daher keine Lichtreflexe und die Oberfläche erscheint matt.

Die geschilderten Fälle sind die beiden theoretischen Extreme des Übergangs von glänzend zu matt: In Wirklichkeit setzt sich das von allen gängigen Oberflächen reflektierte Licht aus einem gerichteten und einem ungerichteten Anteil zusammen. Je mehr sich dieses Verhältnis zugunsten des ungerichteten Anteils verschiebt, desto matter erscheint die Oberfläche. Die Bestimmung des Verhältnisses von ungerichtetem zu gerichtetem Licht kann daher zur Messung des Glanzes einer Oberfläche dienen.

Der Eindruck von Glanz entsteht bei glatten Oberflächen, da sich die Lichtintensität bei Wechsel der Blickrichtung ändert. Foto: Honnen, Photocase.com
Glänzende Täuschung

Die in der Praxis eingesetzten Messgeräte zur Bestimmung des sogenannten Glanzgrades arbeiten nach einem etwas anderen Prinzip: Bei ihnen wird die von der Oberfläche ausgehende gerichtete Lichtmenge gemessen und jeweils in Beziehung zu einer als Referenz dienenden, schwarzen polierten Glasfläche gesetzt. Für diese Oberfläche werden als Maß 100 Glanzeinheiten (GE) angesetzt. Die gemessenen Werte bewegen sich daher nicht nur zwischen 0 und 100, sondern können bei hochglänzenden Oberflächen auch Werte von über 100 annehmen. Bei der Messung prägt auch der Einfallswinkel auf die Oberfläche die Ergebnisse. In den für die Bestimmung des Glanzgrades festgelegten Normen sind daher verschiedene Messgeometrien festgelegt, die je nach Oberfläche zum Einsatz kommen und bei denen das Licht entweder steiler oder flacher auf die zu messende Fläche trifft.

Je nach Messergebnis wird der Oberfläche dann einer der verschiedenen Glanzgrade zugeordnet: stumpfmatt, matt, mittlerer Glanz (seidenmatt oder seidenglänzend), glänzend. Mit diesen Bezeichnungen sind auch die für den Decken- und Wandanstrich im Innenraum verwendeten wässrigen Anstrichstoffe versehen, die in der Malerwerkstatt oder in den Regalen der Baumärkte anzutreffen sind.

Der Glanzgrad des Anstrichstoffs ist von entscheidender Bedeutung, nicht nur, weil er maßgeblich die optische Wirkung einer Oberfläche bestimmt, sondern auch für deren Abriebfestigkeit verantwortlich ist. Matte oder seidenmatte Oberflächen wirken besonders edel, hingegen spricht ein hoher Glanz für eine hohe Widerstandsfähigkeit. In der Praxis zeigt sich jedoch auch, dass eigentlich identische Farbtöne bei unterschiedlichem Glanzgrad verschieden wirken können. Ein Blick in Farbsammlungen wie beispielsweise das Farbsystem RAL Classic, das in halbmatt oder mit glänzender Oberfläche angeboten wird, bestätigt diesen Eindruck: Matte Farbtöne werden, abhängig vom Betrachtungswinkel, tendenziell eher als heller wahrgenommen als glänzende. Glänzende Farben erscheinen dafür etwas satter.

Wenn bei der Farbgestaltung in und an Gebäuden möglichst große Farbübereinstimmungen gefragt sind, kann das Überraschungen mit sich bringen – beispielsweise, wenn es sich um Beschichtungen so unterschiedlicher Materialien wie Blech und Beton handelt und dazu die angebotenen Glanzgrade nicht vollständig identisch sind. Je nach Lichtart und -einfall treten hier mehr oder minder große Farbunterschiede auf.

Da bleibt häufig nur, sich mit einem Zitat aus Goethes Faust zu trösten: "Was glänzt, ist für den Augenblick geboren, das Echte bleibt der Nachwelt unverloren." (ud/ng)