22.02.2012

Grünes Plagiat

Auto, Karikatur oder uralte Anekdote? Bei der Herkunft der Redensart "Dasselbe in Grün" scheiden sich bis heute die Geister

Plagiate sind keine Erfindung der globalisierten Welt – Vorwürfe von Produktpiraterie gab es schon vor Jahrzehnten. Einer dieser Fälle hat es sogar zur deutschen Redensart gebracht: "Dasselbe in Grün" war der seit 1924 gebaute Opel 4 PS im Vergleich zum Citroën Type C 5 CV. Der wegen seiner grünen Lackierung im Volksmund "Laubfrosch" genannte Opel wies so große Ähnlichkeiten mit dem bevorzugt in Zitronengelb lackierten Franzosen auf, dass Citroën gerichtlich gegen Opel vorging.

Opel "Laubfrosch", Foto: softeis, CC-Lizenz
Der Opel "Laubfrosch" war grün und wahrscheinlich ein Plagiat. Foto: softeis, CC-Lizenz

So ganz identisch waren die Fahrzeuge freilich auch abgesehen von der Farbe der Lackierung nicht: Der Radstand des Laubfroschs war 5 Millimeter länger, und die Kühler waren unterschiedlich geformt, was für Opel sprach, wie auch die deutschen Gerichte befanden, die sich mit den Plagiatsvorwürfen befassten. Auch unter der grünen respektive gelben Haube unterschieden sich beide Fahrzeuge: Der Opel-Motor hatte einen etwas größeren Hubraum als der des Franzosen, und die Fahrzeugelektrik arbeitete mit 12 Volt statt mit 6 Volt.

Gut möglich ist jedoch auch, dass die Redensart "Dasselbe in Grün" schon vor dem deutsch-französischen Plagiats-Streit Teil deutscher Sprachkultur war: In den "Fliegenden Blättern", einer humoristischen Wochenschrift, die besonders das deutsche Bürgertum aufs Korn nahm, erschien im Jahr 1903 eine Karikatur, die zwei Männer an einem Fahrkartenschalter zeigt. Der eine löst eine Fahrkarte dritter Klasse nach Frankfurt, der billigsten Klasse also. Der zweite, ein deutlich besser situierter Herr, wie man an dem Zylinder, den er trägt, leicht erkennen kann, und der im Bildtext als "Herr von Pfeiferl" vorgestellt wird, verlangt "Dasselbe in Jrün" (wir befinden uns in Berlin, daher die Aussprache). Grün waren zu jener Zeit die Fahrkarten der teureren zweiten Klasse.

Karikatur, Repro: public domain
In der Karikatur von Joseph Herrmannsdörfer begegnen sich zwei Reisende am Fahrkartenschalter. Repro: public domain

Es gibt jedoch noch eine dritte Erklärung für die Entstehung der Redensart, die sogar noch viel weiter zurückreicht: Bereits Ende des 18. Jahrhunderts kursierte im deutschen Sprachraum die Anekdote einer Hausangestellten, die mit einem rosaroten Bändchen zu einem Kaufmann geht und sagt: "Diesselbe Couleur, aber in Grün". Beschrieben wird diese Geschichte bereits um 1800 von der Schriftstellerin Johanna Schopenhauer, der Mutter des bekannten Philosophen. Aber auch bei Theodor Fontane taucht in der 1881 erschienen Spruchsammlung "Vor Zichys Geisterstunde" ein daran angelehntes Zitat auf: "Diesselbe Couleur in grün", heißt es da.

Welche der drei geschilderten Erklärungen nun die Wahrheit trifft, das lässt sich – wie meist in solchen Fragen – nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Hilfreich sind bei der Bewertung der Erklärungen vielleicht die feinen Nuancen, in denen sich ihr Sinn unterscheidet. Heute wird die Redensart meist gebraucht, wenn man darauf hinweisen möchte, dass eine Sache, die vorgibt, etwas Neues zu sein, in Wirklichkeit schon einmal da war. Das würde für die Version mit dem Auto-Plagiat sprechen. Die Anekdote von der Hausangestellten beschreibt hingegen das Phänomen, dass jemand etwas Neues verlangt und zugleich doch eigentlich beim Alten bleiben möchte. Das trifft die Bedeutung, in der die Redensart heute meist gebraucht wird, weniger gut. Die Geschichte am Fahrkartenschalter schließlich spielt auf die bürgerlichen Standesunterschiede an und weist damit inhaltlich in eine ganz andere Richtung. Möglicherweise haben ja auch alle drei Erklärungen nach- und nebeneinander zur Etablierung der Redensart beigetragen. (ud)