Wir verwenden Cookies, um bestimmte Funktionen unserer Website zu ermöglichen und Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Wenn Sie auf unserer Website weitersurfen, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr Informationen hierzu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Ok

 

13.08.2014

Himmelsblau in 53 Stufen

Der Genfer Naturforscher Horace-Bénédict de Saussure konstruierte Ende des 18. Jahrhunderts ein Messinstrument für die Farbe des Himmels

Wo ist das Himmelsblau intensiver – am Fuß eines hohen Berges oder auf seinem Gipfel? Eine Frage, die sich heute wohl kaum jemand stellt. Doch genau dies fragte sich Ende des 18. Jahrhunderts der Genfer Naturforscher Horace-Bénédict de Saussure – und entwarf ein Instrument, mit dem man das Blau des Himmels messen konnte. Sein sogenanntes Cyanometer ging in die Wissenschaftsgeschichte ein, auch wenn es wenig praktischen Nutzen brachte.

Ein Exemplar von Saussures Cyanometer wird heute in der Bibliothek in Genf aufbewahrt. Foto: Bibliothèque de Genève, Archives de Saussure 66/7
Cyanometer. Foto: Bibliothèque de Genève, Archives de Saussure 66/7

Warum der Himmel überhaupt blau war, darüber hatten Gelehrte bereits lange vor Saussure gerätselt. Isaac Newton vermutete, dass Wasserdampf oder Wassertröpfchen den Himmel blau färben, und der Schweizer Naturwissenschaftler Leonhard Euler erklärte das Phänomen mit Eigenschwingungen von Teilchen. Recht hatte keiner von beiden, und auch zu Saussures Lebzeiten war die abschließend richtige Erklärung noch nicht gefunden. Für den Naturforscher Saussure hingegen lag der Wunsch auf der Hand, die Bläue des Himmels zu messen. Auf seinen Reisen in die Alpen war ihm nämlich aufgefallen, "dass auf hohen Bergen der Himmel von einem weit dunkleren Blau erscheint als in der Ebene".

Der Gelehrte aus Genf wusste wovon er sprach: Gehörte er doch zu den ersten Menschen, die den Montblanc, den höchsten Berg der Alpen, bestiegen. Unter Führung von Jacques Balmat, der im Jahr zuvor als erster den Gipfel erreicht hatte, betrat Saussure am 3. August 1787 den höchsten Punkt Mitteleuropas – in Begleitung eines Dieners und von nicht weniger als 18 Führern und Trägern. Einer von ihnen schleppte gar einen Kohleofen hinauf.

Mehr als ein Viertel Jahrhundert hatte Saussure diesem Moment entgegengefiebert, doch nun war er keineswegs euphorisch. Die Höhe und die Strapazen des Aufstiegs machten ihm zu schaffen. Ihm war speiübel, was ihn jedoch nicht davon abhielt, während der dreieinhalb Stunden Aufenthalt den Luftdruck, den Siedepunkt des Wassers, die Temperatur des Schnees, den Puls seiner Bergführer und – nicht zuletzt – das Blau des Himmels zu messen.

Zu diesem Zweck hatte er ein Instrument entwickelt, dass er Cyanometer nannte und welches er immer wieder überarbeitet hatte. Es war nichts anderes als eine Pappscheibe, auf die blaue Felder in insgesamt 53 Abstufungen von Weiß bis Schwarz aufgemalt waren. Hergestellt wurde die kreisförmige Farbskala mit dem Pigment Berliner Blau, das mehr als achtzig Jahre zuvor erstmals produziert wurde und sich wegen seiner Brillanz und Farbstärke damals bei Künstlern großer Beliebtheit erfreute.

Saussures Besteigung des Montblanc war die dritte in der Geschichte des Berges überhaupt und glich bereits einer kleinen Expedition – hier dargestellt in einem kolorierten Kupferstich von Marquard Wocher. Repro: public domain
Montblanc. Repro: public domain

Der wissenschaftlichen Öffentlichkeit stellte Saussure das Cyanometer zwar erst zwei Jahre später in einer Arbeit vor, doch ist überliefert, dass er auf dem Gipfel des Montblanc nach seiner Skala ein Himmelsblau von 39 Grad messen konnte. Er habe den Himmel von der Farbe des dunkelsten Königsblau gesehen, vermerkte er später in seinen Aufzeichnungen.

Den direkten Zusammenhang zwischen der Himmelsfarbe und der Höhe bestätigte Saussure ein Jahr nach seiner Besteigung des Montblanc, als er auf dem 3665 Meter hohen Col de Géant die Himmelsfarbe maß, während gleichzeitig sein Sohn im Tal und ein Freund in Genf dieselbe Messung vornahmen. Saussure war davon überzeugt, dass "die Farbe des Himmels als der Maßstab der Menge undurchsichtiger Dünste oder Ausdünstungen, welche in der Luft schweben, angesehen werden kann". Und weiter heißt es bei ihm: "Je reiner die Luft, je tiefer die Masse dieser reinen Luft ist, desto dunklerer erscheint ihre Farbe".

Damit hatte er im Prinzip Recht, doch die wirkliche Erklärung für das Himmelsblau war dies nicht: Diese fand erst fast hundert Jahre später der britische Physiker Lord Rayleigh, der nachwies, dass die kürzeren Wellenlängen des Sonnenlichts durch die Luftmoleküle stärker gestreut werden als längere. Dies führt dazu, dass beim Betrachter, der in den Himmel blickt, vor allem blaues Licht ankommt.

Saussures Cyanometer kam 1799 nochmals zu Ehren, als es nämlich der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt mit auf seine erste Expedition nach Südamerika nahm. Humboldt maß für den tropischen Himmel Blauwerte von bis zu 46 Grad. Aber das ist schon wieder eine neue Geschichte. (ud)