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12.05.2004

Historisches Farbsystem mit Gebrauchswert: die Lambertsche Farbenpyramide

Das erste dreidimensionale Farbsystem entstand bereits Ende des 18. Jahrhunderts und sollte Händlern und ihren Kunden den Umgang mit Farben erleichtern

Die Farbenpyramide nach Lambert. Auf der Unterkante der Pyramide sind zwölf häufig gebrauchte Malerfarben zum Vergleich dargestellt: Neapolitanisches Gelb, Königsgelb/ Aurum, Rauchgelb, Bergblau, Schmalte, Indigo, Lampenschwarz, Saftgrün, Berggrün, Grünspan, Zinnober und Florentinerlack.
Lambertsche Farbenpyramide

Das erste bekannte, offensichtlich dreidimensionale Farbsystem schuf der Mathematiker, Physiker, Astronom und Philosoph Johann Heinrich Lambert im Jahr 1772. Mit seiner Farbenpyramide entwarf der Gelehrte eine Farbmusterkarte, die Textilhändlern, Färbern, Malern und Druckern den Umgang mit Farben erleichtern sollte. Sie ist daher ein sehr praxisorientiertes System, welches das schnelle und unkomplizierte Einordnen von Farben ermöglicht.

Insgesamt 107 Farben ordnete Lambert in einer Pyramide mit sieben dreieckigen Etagen an. Dazu kommt das Weiß an der Spitze der Pyramide. Er entwarf das System in Form eines offenen, dreieckigen, in Fächer eingeteilten Kastens in perspektivischer Darstellung. An den Eckpunkten der jeweiligen Dreiecke befinden sich Felder mit den Grundfarben Rot, Blau und Gelb, genauer Carmin, Berlinerblau und Gummigutt. Diese Grundfarben werden auf den übrigen Feldern der einzelnen Etagen in genau definierten Verhältnissen miteinander gemischt. So wird der Mischung zum Beispiel auf jedem Feld auf dem Weg zwischen den Farben Gelb und Rot ein Anteil Gelb weniger und ein Anteil Rot mehr hinzugefügt.

Die unterste Ebene enthält 45 Felder. Es befinden sich je 7 Mischfarben zwischen den Grundfarben und 21 Farbfelder in der Mitte. Das darüber liegende Dreieck hat insgesamt 28 Felder mit jeweils 5 Mischungen zwischen den Grundfarben und mit 10 Farben in der Mitte. Im dritten Dreieck sind es noch 15 Farbfelder mit 3 Mischfarben zwischen Rot, Gelb und Blau sowie 3 Feldern in der Mitte, im vierten 10 Farben mit 2 Mischfarben an den Kanten und einem Mittelfeld. Auf der fünften Etage sind die Grundfarben mit ihren Mischfarben Orange, Grün und Violett vertreten, während die sechste Ebene nur noch aus Rot, Gelb und Blau besteht. In der siebten Etage verlieren sich die Farben in einem einzigen Feld: Weiß.

Während die Farben in der untersten Ebene noch sehr dunkel und kräftig sind, werden die Töne zur Spitze der Pyramide hin immer heller bis zum Weiß. Zur Mitte der Dreiecke hin werden die Farben durch die Mischung untereinander zunehmend ungesättigter, so dass im Mittelpunkt eine Unbuntachse von Schwarz nach Weiß entsteht.

Lambert betrachtete die Gesamtheit der Farben als ein Kontinuum aus unendlich kleinen Stufen. Er wählte für seine Farbenpyramide eine Einteilung, die zwar klein genug zum praktischen Gebrauch war, jedoch nicht so klein, dass die Unterschiede zwischen den einzelnen Farben nicht mehr deutlich wahrnehmbar sind. Außerdem geht aus Lamberts Aufzeichnungen hervor, dass er einen Unterschied zwischen additiver und subtraktiver Farbmischung erahnte – so führte er zum Beispiel Versuche durch, bei denen er Licht durch Prismen fallen ließ und die bunten Lichtstreifen additiv miteinander mischte. Seine Farbenpyramide beruht aber auf rein subtraktiver Farbmischung.

In seine Überlegungen flossen auch die von dem Göttinger Mathematiker und Astronomen Tobias Mayer entwickelten Farbendreiecke ein. Auch Mayer definierte die drei Hauptfarben Rot, Gelb und Blau und mischte sie in einem Dreieck untereinander. So erhielt er 91 Farben. Durch zusätzliche Vermischung mit Schwarz und Weiß in jeweils vier Abstufungen gelangt er zu insgesamt 819 Farbtönen. Allerdings ordnete Mayer seine Farbendreiecke nicht explizit in einem dreidimensionalen Schema.

Im Jahr 1772 veröffentlichte Lambert sein Werk über die von ihm konstruierte Farbenpyramide. Er hoffte, der Gebrauch seiner Pyramide würde die Kommunikation zwischen Kaufleuten und Käufern über eine bestimmte Farbe oder gewünschte Farbzusammenstellungen vereinfachen. Sein System stellte zudem eine Hilfe für Färber dar, Stoffe und Muster zu gestalten und das einfache Einordnen und Wiedererkennen von Farben durch das Merken des Farbortes auf der Pyramide zu ermöglichen. Auch Maler und Drucker sollten es mit der Farbpyramide leichter haben, Farben erneut zu treffen, ohne lange herumprobieren zu müssen.

Lambert verfolgte mit der Entwicklung seiner Farbenpyramide die gleichen Ziele wie Philipp Otto Runge. Beide wollten ein umfassendes Farbsystem erstellen, was Malern und allen anderen Menschen, die mit der Auswahl und Verwendung von Farben zu tun haben, den Umgang mit diesen erleichtern sollte. Während Lamberts Pyramide einen mehr praktischen Umgang mit Farben realisiert, indem jede vorkommende Farbe direkt durch ihre Nummerierung ansprechbar ist, stellt die Farbenkugel von Runge ein umfassendes Bild der Farben mit ihren Abstufungen ins Helle und Dunkle dar.

Da Lamberts Grundfarben schon sehr dunkel gewählt sind, ist es in seinem System nicht mehr nötig beziehungsweise möglich, die Farben ins Schwarze laufen zu lassen. Dies wird bereits im untersten Dreieck vollzogen. Zwar begreift auch Lambert die Vielfalt der Farben als Kontinuum, aber in der Beobachtung der Rungeschen Farbenkugel wird dieses Kontinuum durch die fließenden Übergänge der Farbtöne ineinander deutlicher zum Ausdruck gebracht. Runge nahm Lamberts dreidimensionale Darstellungsweise als Inspiration und perfektionierte die Darstellung der Zusammenhänge zwischen den Farben auf eine Art und Weise, die auch heute noch aktuell ist.