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20.11.2013

Jahrzehnt der Langeweile

FARBIMPULSE-Serie über die Geschichte der Wohnfarben in Deutschland: die 1980er-Jahre

"Die 1980er-Jahre waren das langweiligste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Kaffee hieß plötzlich Cappuccino und Raider Twix. Sonst änderte sich nix." So konstatierte der Autor Florian Illies in seinem Bestseller "Generation Golf" aus dem Jahr 2000. Seine Aussage mag überzogen sein, ganz aus der Luft gegriffen ist sie nicht. Was gesellschaftliche Veränderungen, den Wandel des Lebensgefühls oder die Wohnkultur der Deutschen angeht, waren die 1980er-Jahre in der Tat überraschend ereignislos. Der große, weltpolitische Paukenschlag kam erst ganz am Ende mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende des Kalten Kriegs.

Kapitale Wandschränke mit beleuchteten Vitrinen waren in den 1980er-Jahren beliebt. Foto: Mayovskyy Andrew , Shutterstock.com
Wandschrank. Foto: Mayovskyy Andrew, Shutterstock.com

Blicken wir also in ein deutsches Wohnzimmer in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre: Das schrille Grün, das wilde Orange oder das Braun der 1970er-Jahre sind längst verschwunden. An den Wänden klebt jetzt Raufaser, weiß. Andere Farbtöne sind verpönt. Im Höchstfall werden sie dem Weiß in minimalen Dosen beigemischt. Aus den Boxen der Stereoanlage – diese steht im fahrbaren, schwarzen Hi-Fi-Regalelement – dringt die Musik der Neuen Deutschen Welle: Nena, Hubert Kah, Trio, Peter Schilling. Musiker mit internationalen Hits, doch wenig geeignet als prägende Figuren einer wie auch immer gearteten Revolution. Doch revoltieren will ja auch niemand in diesen Jahren.  

Auch ein Blick auf die Wohnungseinrichtung offenbart nichts Revolutionäres: Der Trend heißt billig. Es ist die große Zeit der Pressspanplatte mit Furnier aus Kunststoff in Holzoptik. Möbelhäuser überbieten sich mit Angeboten für immer größere Wohnwände (erhältlich in Esche, Eiche, Weiß oder Schwarz) mit eingepassten Nischen für den Fernseher und beleuchteten Vitrinen.

Billy (wie hier) oder Ivar: Das war eine der wenigen existenziellen Fragen des Jahrzehnts. Foto: public domain
Billy Regal. Foto: public domain

Dazu gibt es überdimensionierte Sofalandschaften in nichtssagendem Dunkelbeige oder Graubraun. Als gewagt gelten bereits Violett oder Flieder – beliebte Farben dieses Jahrzehnts. Der weitere Einrichtungsstil zeichnet sich vor allem durch seine Konzeptlosigkeit aus: eine bunte Mischung aus Glas, Metall, Plastik und Holz(imitat). Trends, die heute noch erwähnenswert wären, gibt es kaum, außer vielleicht die Vorliebe für schwarze Schränke, Kommoden oder Regale, gerne in Kombination mit Chrom.

So ganz unrecht hat Florian Illies also nicht mit seiner Aussage vom langweiligsten Jahrzehnt des Jahrhunderts. Existenzielle Fragen stellten sich höchstens in den Verkaufsräumen des Möbelhauses Ikea. Genaugenommen war es nur eine einzige Frage: Billy oder Ivar? Das Ivar-Regalsystem war bereits Mitte der 1970er-Jahre auf den Markt gekommen und wurde im damals schnell wachsenden Filialnetz des Möbelhauses auch in Deutschland verkauft. Das Regal aus unbehandeltem Fichtenholz war schnell auf- und abgebaut und flexibel anwendbar – ideal für WG-Bewohner, die ihre Bleibe häufig wechselten.

Billy hingegen, das 1979 auf den Markt kam, wirkte im Vergleich zu seinem rohen Konkurrenten geradezu spießig. Es bestand aus Pressspanplatten, die entweder mit Buchenfurnier überzogen oder mit weißem Kunststoff beschichtet waren. Bei der Wahl des Regalsystems zeigte sich, wer als angepasst galt und wer vielleicht noch einen klitzekleinen Rest revolutionären Gedankentums in sich trug.

Heute meist nur noch ein Grund zum Gruseln: die modischen Trendfarben der 1980er-Jahre. Foto: tonobalaguer / 123RF Stock Foto
Modefarben der 1980er. Foto: tonobalaguer / 123RF Stock Foto

Für einen farbigen Lichtblick sorgte wenigstens die Mode in diesem Jahrzehnt – wobei dieser Begriff aus heutiger Sicht eigentlich zu positiv klingt angesichts dessen, was sich damals durch deutsche Fußgängerzonen bewegte: Der modische Höhepunkt waren Stoffhosen und Trainingsjacken in schrillen Farben: Magenta, Neongelb, Rosa und Giftgrün, um nur die extremsten zu nennen. Diese Farben tauchen auch in anderen Kleidungsstücken auf, beispielsweise als farbige Aufnäher auf Hosen und Jacken.

Der Vollständigkeit halber erwähnt werden sollten beim Thema Mode die Karottenjeans (gerne in Violett), das Netzhemd (auch hier bevorzugt in Neonfarben) und der breite Nietengürtel. Und auch die Frisuren, obgleich sie natürlich nur am Rande etwas mit Farbe zu tun haben: Als exemplarisch kann hier bei den Herren Rudi Völler gelten, der sich mit seiner gelockten Vokuhila-Frisur (vorne kurz, hinten lang) den Spitznamen "Tante Käthe" einfing. Und Locken waren auch bei den Damen beliebt. Ganz im Trend lag, wer sich die obligatorische Dauerwelle asymmetrisch föhnen ließ.

Heute empfinden viele Zeitgenossen den Stil der 1980er-Jahre als peinlich: So groß häufig die Begeisterung für die Mode und den Einrichtungsstil vergangener Zeiten ist – im Jahr 1980 nimmt sie meist ein jähes Ende. Neben der von Florian Illies beschriebenen Langeweile scheint auch das ein Phänomen dieses Jahrzehnts zu sein. (ud)