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17.06.2009

Kampf im Zeichen der Regenbogenflagge

Die Fahne in den Spektralfarben der Sonne hatte bereits zur Zeit der Bauernkriege eine symbolische Bedeutung

Es war der Morgen des 15. Mai 1525. Um den Theologen und Revolutionär Thomas Müntzer hatte sich nahe des thüringischen Orts Frankenhausen ein Heer von 8.000 Bauern versammelt. Die Aufständischen waren fest entschlossen, für ihre freiheitlichen Rechte zu kämpfen und der jahrhundertelangen Unterdrückung durch die Obrigkeit ein Ende zu setzen. Das Zeichen des Aufstands: eine Fahne in den Farben des Regenbogens. "...die Pauren hetten an ainem jeden fenlin ain regenbogen gemalt gefuert", hielt später ein Augenzeuge fest, der reisende Täufer und Händler Hans Hut.

Regenbogenfarben

Die Farben des Regenbogens sind heute vor allem als Symbol der Friedensbewegung und der Schwulen- und Lesbenbewegung bekannt. Aber die Geschichte der Regenbogenflagge reicht viel weiter zurück.

Foto: Sicherlich, GNU-Lizenz

Das Denkmal für Thomas Müntzer in Stolberg im Harz zeigt den Bauernführer mit seiner obligatorischen Fahne, die die Farben des Regenbogens trug. Foto: Sicherlich, GNU-Lizenz

 

Dieses Symbol des Regenbogens hatte Thomas Müntzer gewählt, um die göttliche Herrlichkeit, Einheit und den Frieden zu symbolisieren. Verbunden hatte er damit ein alttestamentliches Bibelwort aus der Genesis: "Dis ist das zeychen des ewigen bund gotes". In einer modernen Übersetzung heißt es: "Weiter sprach Gott: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen{ }. Meinen Bogen setze ich in die Wolken, er soll das Bundeszeichen sein zwischen mir und der Erde."

In ihrem Kampf unter der Regenbogenfahne sahen sich Müntzer und seine Anhänger also unter Gottes Schutz – ein Glaube, der auf geradezu spektakuläre Weise dadurch beflügelt wurde, dass sie an eben jenem Morgen des 15. Mai 1525 Zeuge einer faszinierenden Himmelserscheinung wurden: "Und als der Myntzer den pauren obgemelter massen drei tag nachainander gepredigt, were allwegen ain regenbogen am himel umb die sonen gesehen worden", schrieb gut zwei Jahre später der Augenzeuge Hans Hut. "Denselben regenbogen der Myntzer den pauren gezaigt und sie getrost und gesagt, sie sehen jetzo den regenpogen, den bund und das zaichen, das es got mit inen haben wolt. Sie solten nur hertzlich streiten und keck sein."

Dass es sich bei dem beobachteten Phänomen tatsächlich um einen Regenbogen handelte, ist heute fraglich, denn Regenbögen stehen immer entgegengesetzt zur Sonne – bilden sich also niemals um die Sonne, wie Hans Hut es beschrieben hat. Die durch das immer weiter vorrückende fürstliche Heer verängstigten Bauern dürften vielmehr einen Halo beobachtet haben – eine Lichterscheinung, die durch Brechung und Spiegelung des Sonnenlichts an winzigen Eiskristallen entsteht und bei der das weiße Licht der Sonne gleichfalls in seine farbigen Bestandteile zerlegt wird.

Mit seinem flammenden Aufruf, angesichts dieses Himmelszeichens "hertzlich zu streiten", da Gott mit ihnen sei, mag Müntzer seine Getreuen beeindruckt haben. Dennoch endete die Schlacht, die noch am selben Tag geschlagen wurde, in einem entsetzlichen Blutbad und einem Debakel für die Aufständischen. Denn schon kurze Zeit nach Müntzers Predigt brach das fürstliche Heer den vereinbarten Waffenstillstand und überrumpelte die völlig überraschten Bauern in ihrer Wagenburg. Ihnen fehlte die Zeit, die Waffen zu ergreifen und Kampfformationen zu bilden. Die wenigen, die sich dennoch der fürstlichen Übermacht entgegenstellten, wurden ebenso erbarmungslos niedergemetzelt wie jene, die versuchten, sich in der Stadt Frankenhausen in Sicherheit zu bringen. Mindestens 6.000 Aufständische fanden in diesem Gemetzel den Tod, das als "Schlacht bei Frankenhausen" bekannt geworden ist. Thomas Müntzer überlebte die Schlacht, wurde jedoch gefangengenommen und am 27. Mai 1525 vor den Toren der nahe gelegenen Stadt Mühlhausen enthauptet.

Das Regenbogenmotiv, das der Theologe und Bauernführer auf seinen Fahnen geschrieben hatte, war neben dem vor allem in Südwestdeutschland bekannten Zeichen des Bundschuhs ein zentrales Symbol bäuerlichen Widerstands jener Zeit. Zahlreiche Darstellungen – meist in späteren Jahrhunderten entstanden – zeigen den Revolutionär mit einer Regenbogenfahne. In der Geschichte dieses Symbols sind die Bauerkriege jedoch nur eine von vielen Etappen: Eine Bedeutung hat das Zeichen des Regenbogens bereits viel früher bei den Inkas. Die Geschichte setzt sich fort in der Schwulen- und Lesbenbewegung und reicht bis hin zur Friedensbewegung und dem Protest gegen den Irakkrieg im Jahr 2003. (ud)