16.07.2008

Keine Angst vor Gelb, Rot, Pink

eim Architekten Luis Barragán verwandeln Farben und ihre Kombination Räume in magische Orte

Luis Barragán (1902 bis 1988) gilt als der international bekannteste mexikanische Architekt. Er ließ sich vom internationalen Stil Anfang des 20ten Jahrhunderts inspirieren, von den Thesen Le Corbusiers zur Polychromie und von traditioneller mexikanischer Architektur. In ihr haben die Farben eine symbolische Bedeutung, die Barragán aufgreift, sie mit den Farben der Bauhausmeister kombiniert und weiter entwickelt.

Dezent aufeinander abgestimmt sind der Gelb- und der Rotton des monolithisch ruhigen Hauses in dem von Barragán geplanten Stadtteil
Dezent aufeinander abgestimmt sind der Gelb- und der Rotton des monolithisch ruhigen Hauses in dem von Barragán geplanten Stadtteil

In der Welt der Maya waren die Farben den Himmelsrichtungen zugeordnet: Weiß dem Norden, Purpurrot als Farbe des Sonnenaufgangs dem Osten, Gelb als Farbe der Sonne im Zenit und des Mais dem Süden und Schwarz dem Westen. In traditionellen mexikanischen Häusern ist ein intensives Magenta – das allerdings schnell ausbleicht – die Farbe der Gastfreundschaft. Gerade die intensiven Rottöne, die vom kräftigen mexikanischen Licht nicht überstrahlt werden, setzt Barragán häufig ein, beispielsweise ein Magenta oder ein Violett im Farbton des Jacarandabaumes.

In einem kräftigen Rosa leuchten beispielsweise die Mauern der Stallung San Christóbal oder die Fassade des Hauses Gilardi in Mexiko City. Dieses Haus, 1975 bis 1977 erbaut, gilt als einer der beiden Höhepunkte seiner Meisterschaft, mit Farbe zu gestalten.

Von der Straße kommend weist ein zum Pink gesteigertes Rosa auf das außergewöhnliche Haus hin. Durch die ruhige Fassadenarchitektur mit nur zwei Fensteröffnungen wirkt die intensive Farbe eher ruhig als aufgeregt. Sie prägt auch den Innenhof, gemeinsam mit einem lebhaften Violett. Mit diesen beiden Farbtönen bezieht sich Barragán auf eine traditionelle mexikanische Farbpalette und auf ein Gemälde des mexikanischen Malers Chucho Reyes.

Das Innere des Gebäudes fällt durch einen sonnig gelben Flur auf, der zu einem Wasserbecken führt, in dem die Farbe Barragáns Referenz an die räumlichen Farbexperimente der Bauhausmeister Johannes Itten und Josef Albers ist, deren Werke "Interaction of Colour" und "The Art of Colour" in Barragáns Bibliothek standen.

Ein Höhepunkt Barragáns Meisterschaft, mit Farbe zu gestalten, ist das Haus Gilardi in Mexiko City. Außen verwendet er traditionelle mexikanische Farben, innen überrascht eine moderne, abstrakte Farbkomposition. Foto: Achim Pilz
Ein Höhepunkt Barragáns Meisterschaft, mit Farbe zu gestalten, ist das Haus Gilardi in Mexiko City. Außen verwendet er traditionelle mexikanische Farben, innen überrascht eine moderne, abstrakte Farbkomposition. Foto: Achim Pilz

Während der Flur durch gelb gestrichene, schmale Fensterscheiben freundlich durchstrahlt wird, sind die Farben um das Wasserbecken kühl. Barragán kombiniert hier raffiniert ein Tiefblau in einer von oben beleuchteten Ecke des Beckens, das es optisch erweitert, mit einem kühlen Rot, das eine davor stehende Wandscheibe trägt. Nur aus optischen Gründen ließ er diese statisch unwirksame Wand dort platzieren. Er beschreibt die Interaktion von Farbe und Raum folgendermaßen: "Auf dem Rundgang durch das Haus bereitet der Korridor auf einen wichtigen Raum vor: das Speisezimmer mit einem innen liegenden Schwimmbecken. Überraschend steht in dem Becken eine rosafarbene Mauer, die das Wasser teilt und fast die Decke berührt. Die Mauer vermittelt ein Raumgefühl, sie verleiht dem Raum Magie, erzeugt um sich herum eine Spannung."

Für europäische Augen farblich etwas weniger spektakulär, aber ebenso überzeugend, ist seine Verwendung von Gelb- und Rottönen. Ein schönes Beispiel ist ein Haus in dem von ihm geplanten Stadtteil "El Pedregal", der ab 1950 am Rande von Mexico City erbaut wurde. Seine Architektur ist ruhig und monolithisch. Sie verschmelzt die herkömmlichen, einfachen mexikanischen Raumfolgen und die traditionell eingesetzten Farben mit einem ausgeklügelten modernen Vokabular: ein Purismus, der durch Farbe und die verwendeten Materialien lebendig wird. Das Ergebnis ist zugleich intensiv mexikanisch wie auch international.

In El Pedregal kann Barragán einen intensiven Bezug zur Natur realisieren. Die herbe vulkanische Landschaft lenkt den Blick oft auf das Detail: Schwarze Lava schiebt sich in Wülsten über das Gras. Die Wolfsmilchgewächse dazwischen verstärken den Eindruck von Kargheit. Im gleißenden mexikanischen Licht kommt es oft zu drastischen Licht-Schatten-Stimmungen. Barragán fängt sie mit seinen exakt positionierten Fenstern ein. In den Gärten zieht er die Natur über teilweise stark farbige Wandscheiben in das Bild hinein. Nicht erst seit 1931, als er den französischen Maler und Landschaftsarchitekten Ferdinand Bac persönlich kennenlernte, auch durch seine Bewunderung für die maurische Baukunst ist für ihn der Garten ein Ort der Freude, des Nachdenkens und des Träumens.

Für Furore sorgten die 1957 in Zusammenarbeit mit dem Danziger Bildhauer Mathias Goeritz entstandenen fünf dreieckigen Türme an der Autobahn zur nördlichen Satellitenstadt von Mexiko City. Wie die Wand im Wasserbecken des Hauses Gilardi sind sie hauptsächlich Oberflächen für Farben: Rostrot, Himmelblau, Sonnengelb und Weiß.

Bis auf wenige Ausnahmen baute Barragán ausschließlich in Mexiko. International bekannt wurde er, als ihm 1980 der Nobelpreis der Architektur, den Pritzker-Preis verliehen wurde. Anlässlich der Feierlichkeiten sagte er: "Menschlichkeit, der Schönheit fehlt, ist es nicht wert, dass sie so genannt wird." (ap)