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31.08.2016

Kerzenwachs verschmutzte Munchs Gemälde "Der Schrei"

Wissenschaftler klären die Herkunft ominöser weißer Flecken auf dem weltbekannten Bild

Es ist eines der bekanntesten Kunstmotive überhaupt: Edvard Munchs Gemälde "Der Schrei", zwischen 1893 und 1910 in insgesamt vier Versionen entstanden, ist in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingegangen. Umso genauer betrachten Kunstgeschichtler jedes noch so kleine Detail dieser Bilder. Anlass zur Spekulation boten dabei mehrere unerklärliche weiße Spritzer dem ältesten der vier Gemälde. Es könnte sich dabei um weiße Hinterlassenschaften von Vögeln handeln, vermuteten Kunsthistoriker bisher. Ein internationales Team von Forschern hat die Flecken nun jedoch als Reste von Kerzenwachs identifiziert.

Wer den "Schrei" von Edvard Munch im Norwegischen Nationalmuseum näher betrachtet, erkennt dort seltsame weiße Flecken. Repro: Universität Antwerpen
Munchs Schrei. Repro: Universität Antwerpen

Die Legende vom Vogeldreck auf dem Gemälde passte zum Nimbus des bekanntesten Malers Norwegens: Edvard Munch galt als naturverbunden, arbeitete viel im Freien und bewahrte häufig auch seine Bilder draußen auf, oft nur notdürftig vor der Witterung geschützt. Da lag die Vermutung nahe, dass Vögel auf dem Bild ihre Spuren hinterlassen hatten. Als das in Berlin entstandene Bild damals vom Atelier des Malers direkt ins Norwegische Nationalmuseum gelangte, waren die weißen Spritzer schon vorhanden.  

Doch die romantisierende Vorstellung von Vögeln, die sich auf dem Gemälde niederließen, ist falsch, wie nun die Forscher um Geert Van der Snickt von der Universität Antwerpen herausfanden. Die Wissenschaftler hatten winzige Proben von den weißen Flecken genommen und diese mit der Röntgenquelle PETRA III des Deutschen Elektronen Synchrotrons DESY in Hamburg untersucht. In diesem Instrument erzeugen in einem 2,3 Kilometer langen Beschleuniger auf Geschwindigkeit gebrachte Teilchen ein besonders brillantes Röntgenlicht.

Fällt die Röntgenstrahlung auf ein Material, erlaubt das Muster des gestreuten Lichts Rückschlüsse auf die molekulare Zusammensetzung. "Ich habe sofort das Streumuster von Wachskristallen erkannt, weil ich diesem Material bereits mehrere Male bei der Untersuchung von Gemälden begegnet bin", berichtet der Antwerpener Doktorand Frederik Vanmeert von den ersten Messungen an den Proben. Eine zum Vergleich an originalem Vogeldreck vorgenommene Untersuchung zeigte hingegen ganz andere Muster.

Munch arbeitete häufig draußen und ließ sich davon auch durch Schnee nicht abhalten. Foto: public domain
Munch Atelier im Freien. Foto: public domain

Wachs taucht häufig an historischen Gemälden auf, da Bilder früher oft mit Bienenwachs imprägniert wurden, um Farbe vor dem Abblättern zu schützen oder eine neue Leinwand auf die Rückseite einer verschlissenen aufzutragen. Im Fall von Munchs "Schrei" hingegen dürfte es sich nur um ein Versehen gehandelt haben: Wahrscheinlich war das Wachs einer Kerze im Atelier des Künstlers auf das Bild getropft.

Dem Wissen um die Entstehungsgeschichte des Gemäldes ist damit ein weiteres Kapitel hinzugefügt worden. Neben zahlreichen psychologischen Deutungen des Motivs selbst hatten sogar Atmosphärenforscher zur Erklärung des Werks beigetragen: Die Inspiration für den roten Himmel über dem blauen Fjord soll der Ausbruch des asiatischen Vulkans Krakatau im Jahr 1883 geliefert haben, der durch die vielen in die Atmosphäre geschleuderten Partikel in der ganzen Welt monatelang für farbenfrohe Sonnenuntergänge gesorgt haben soll. (ud)