16.06.2010

Lack mit Vergangenheit

Die japanische Lackkunst Urushi hat eine mehr als 6.000-jährige Geschichte

Beim Stichwort Urushi geraten Anhänger fernöstlicher Kunst ins Schwärmen: Worte wie "unübertroffener Glanz mit Tiefe" fallen dann oder wie "sinnliche, warme Ausstrahlung". Dabei ist Urushi nicht mehr als ein Lack: Seit mehr als 6.000 Jahren aus dem Harz des Lackbaums Rhus vernicifera hergestellt, verleiht Urushi Schalen, Essstäbchen, Möbeln und Lederwaren eine widerstandsfähige und – um wieder die Kenner zu zitieren – schlichtweg wunderschöne Oberfläche. Doch wahre Urushi-Experten sind selten, denn schon seit Menschengedenken sind die Lackwaren kaum bezahlbare Luxusgüter, deren Herstellung Hunderte von Arbeitsschritten umfassen kann und manchmal mehrere Jahre in Anspruch nimmt.

und Kunstobjekten Verwendung. Foto: fitm, GNU-Lizenz
Foto: fitm, GNU-Lizenz

Mühevoll ist schon der Beginn des langen Herstellungsprozesses: Dabei wird die Borke des auch Urushi no Ki genannten Baums in mehreren, übereinander liegenden Schnitten angeritzt. Das herausfließende Harz wird aufgefangen, mit Baumwolltüchern gefiltert und von Verunreinigungen befreit. Höchstens ein Viertel Liter Roh-Urushi pro Jahr kann ein einziger Baum liefern – hier beginnt also bereits die Exklusivität. Das Rohmaterial kann bereits als erste Beschichtung für Lackware genutzt werden. Üblicherweise wird es jedoch durch Erhitzen und Durchrühren weiter veredelt. Die natürliche Farbe des so entstehenden zähflüssigen Lacks ist ein dunkles Braun. Durch die Zugabe von Farbstoffen können andere Farbtöne erzielt werden: Eisenoxid ergibt Rot, metallisches Eisen Schwarz, das Mineral Cinnabarit färbt Zinnoberrot.

In flüssiger Form hat das Harz überaus unangenehme Eigenschaften: Es enthält ölige Substanzen aus der Gruppe der Urushiole, die auch Pflanzen wie der Gifteiche ihr Gefahrenpotenzial verleihen und auf die ein Großteil der Menschheit extrem allergisch reagiert. Nur auf wenige Menschen – vor allem im asiatischen Raum, wo die Bäume heimisch sind – wirkt das Harz des Lackbaums nicht als Allergen. Die Urushiole haben jedoch eine herausragende Eigenschaft: In Beisein von Wärme und der Feuchtigkeit der Luft härten sie sehr langsam aus, wobei eine überaus widerstandsfähige und doch elastische Oberfläche entsteht. Das in dieser Wandlung entstehende Material hat kein allergisches Potenzial mehr und gilt sogar als lebensmittelecht. Wasser, Säuren, Schimmelpilze oder Alkohol können ihm nichts mehr anhaben – einzig die UV-Strahlung der Sonne schadet ihm.

Auf diesen schlichten chemischen Fakten baut jene Handwerkskunst auf, die in Japan im Lauf von mehreren tausend Jahren entstanden ist. So sind Dutzende, manchmal sogar Hunderte von Arbeitsschritten nötig, bis etwa eine mit diesem Lack versehene Schale oder ein Möbelstück fertiggestellt ist. Basismaterial ist häufig Kiefernholz, auf das nacheinander zwanzig und mehr hauchdünne Lackschichten aufgetragen werden. Dazwischen muss die Oberfläche immer wieder aushärten und wieder angeschliffen werden. Da der Lack extrem adhäsive Eigenschaften aufweist, ist während des Aushärtens eine staubfreie Umgebung sehr wichtig. So soll die Tradition entstanden sein, die Lackware auf Flößen festzubinden und aufs Meer hinauszuziehen, wo sie in der nahezu staubfreien, feuchten Luft besonders sauber aushärten konnte.

Doch nicht nur als Überzug von vorgefertigten Gebrauchsgegenständen wird Urushi eingesetzt: Wird der Lack dick auf Leinengewebe aufgetragen, das auf ein Modell gedrückt wird, so entstehen daraus – unter Zugabe von Tonpulver – nahezu beliebige Formen. Auch werden Formen aus Pappmaché verwendet, auf die in mühevoller Arbeit so viele Lackschichten aufgetragen werden, bis eine stabile Konstruktion entstanden ist.

Auch bei der farbigen Gestaltung der Oberflächen hat sich eine große Vielfalt entwickelt. Neben der erwähnten Färbung des Lacks mit Pigmenten können die Oberflächen vor der Aushärtung mit Goldpulver betreut oder mit Perlen verziert werden. Hier werden die Klebeeigenschaften des Material genutzt, auf die auch dessen ursprüngliche Verwendung zurückgeht: In der Steinzeit wurden mit dem Harz Pfeilspitzen an die Schäfte geklebt.

In Japan, wo es eine lange Tradition hat, sich mit schönen und teuren Dingen zu umgeben, hat die Urushi-Kunst bis heute einen hohen Stellenwert. Doch auch in Europa gibt es Künstler, die mit diesem einmaligen Material arbeiten und dabei teils auf alte, japanische Traditionen, teils aber auch auf neue Techniken und Trägermaterialien wie beispielsweise Metall zurückgreifen. (ud)