24.09.2014

Musische blaue Stunde

Die Zeit zwischen Tag und Nacht hat von jeher Künstler inspiriert

"Ich trete in die dunkelblaue Stunde – da ist der Flur, die Kette schließt sich zu, und nun im Raum ein Rot auf einem Munde, und eine Schale später Rosen – Du!". So schrieb der deutsche Dichter Gottfried Benn im Jahr 1950 und gebrauchte dabei einen Begriff, der in der Literatur immer wieder auftaucht: die blaue Stunde. Dabei handelt es sich bei dem Blau eigentlich um ein physikalisches Phänomen.

Die blaue Stunde ist die einzige Zeit, in der die schützende Ozonschicht um die Erde regelrecht sichtbar ist. Foto: Torley Linden, CC-Lizenz
Blaue Stunde. Foto: Torley Linden, CC-Lizenz

Bei Tag ist es die sogenannte Rayleigh-Streuung, die den Himmel blau erscheinen lässt: Die Luftmoleküle und Staubpartikel in der Atmosphäre streuen den blauen Anteil des Sonnenlichts stärker als die längeren Wellenlängen, weshalb bei einem Betrachter mit Blick in den Himmel vor allem blaues Licht ankommt. Die Rayleigh-Streuung färbt auch den Himmel am Morgen und am Abend rot, da der Weg des Lichts durch die Atmosphäre bei Sonnenauf- und -untergang besonders lang ist. Die Blauanteile werden damit zum größten Teil herausgestreut, und beim direkten Blick in Richtung Sonne kommen vor allem die roten Anteile des Sonnenlichts an.

Doch es gibt noch ein weiteres Phänomen, das lange unbekannt war: Auch die Ozonschicht  in zwanzig bis dreißig Kilometern Höhe über der Erde hat einen Einfluss auf die Himmelsfarbe. Sie ist vor allem bekannt dafür, dass sie ultraviolettes Licht absorbiert und das Leben auf der Erde so vor gefährlich harter Strahlung schützt. Aber das Ozon schluckt noch andere Wellenlängen: Auch in den sogenannten Chappuis-Banden wird das Licht absorbiert. Dabei handelt es sich nicht etwa um kriminelle Vereinigungen, sondern schlichtweg um eng umrissene Frequenzbereiche, die im orangen Teil des Spektrums liegen und von denen ein großer Teil durch die Ozonmoleküle absorbiert wird.

Dieser Effekt spielt tagsüber keine Rolle, er gewinnt jedoch nach Sonnenuntergang die Oberhand, wie der amerikanische Physiker Edward Hulburt erstaunlicherweise erst 1952 entdeckte: Fällt das Sonnenlicht nahezu parallel zur Erdoberfläche in die Atmosphäre, was um diese Zeit der Fall ist, so legt es in der Ozonschicht einen um das 35fache längeren Weg zurück als am Mittag, wo es senkrecht zur Erde einfällt. Das führt dazu, dass rund 40 Prozent des orangen Lichts aus dem Spektrum herausgefiltert werden. Dieser Effekt wirkt sich weitaus stärker aus als die Rayleigh-Streuung, die tagsüber die Himmelsfarbe bestimmt. Forscher sprechen daher auch von der blauen Stunde des Ozons.

Das Licht in dieser Zeit ist tatsächlich deutlich blauer als am Tag: So entspricht die Farbtemperatur des Tageslichts an einem wolkenlosen Tag ungefähr 6.500 Kelvin. Dieser Wert setzt sich zusammen aus der Temperatur des reinen Sonnenlichts von 5.500 Kelvin (das ist genau die Temperatur auf der Sonnenoberfläche) und der Farbtemperatur des Himmels, die bei 9.000 bis 12.000 Kelvin liegt. Auf diesen Wert verschiebt sich in der blauen Stunde auch die Farbtemperatur.

Gerade bei Fotografen ist die blaue Stunde beliebt, da sie reizvolle Möglichkeiten für das Spiel mit Farbe, Licht und Dunkelheit bietet. Foto: iwanp. CC-Lizenz
Blaue Stunde. Foto: iwanp., CC-Lizenz

Der vom blau-schwarzen Licht geprägte Zeitabschnitt muss keineswegs immer eine Stunde dauern. Im Norden, wo die Sonne sich im spitzen Winkel dem Horizont nähert und schließlich hinter diesem verschwindet, kann die Zeit des magischen Lichts sogar einige Stunden anhalten. Am Äquator, wo die Nacht wie ein Vorhang fällt, ist sie oft schon nach wenigen Minuten vorüber.  

Die besondere Stimmung dieser Zeitspanne hat Dichter und Maler von jeher inspiriert. Nicht nur Gottfried Benn, auch der Expressionist Oskar Loerke oder die deutsche Dichterin Ingeborg Bachmann haben der blauen Stunde lyrisch zu Ehren verholfen. Maler haben die ruhige und dennoch anregende Atmosphäre der blauen Stunde auf Leinwand festgehalten, in zahlreichen Liedern aller Musikrichtungen taucht die blaue Stunde auf.

Kein Wunder, dass sie schließlich zu einem Inbegriff künstlerischer Aktivität wurde: Galerien und Kulturcafés tragen ihren Namen, Stadtbibliotheken, Volkshochschulen und Literaturkreise überall im deutschen Sprachraum bieten kulturelle Veranstaltungsreihen mit diesem Namen an. Geschätzt wird die blaue Stunde auch von Fotografen, da sich in dieser  Zeit zwischen Tag und Nacht interessante und stimmungsvolle Aufnahmen realisieren lassen. "Sweet light" wird das Licht in der blauen Stunde im englischen Sprachraum auch genannt.

Eine weniger romantische zweite Bedeutung hat der Begriff der "blue hour" im Englischen: So wurde die Zeit am Spätnachmittag genannt, üblicherweise zwischen halb vier und halb sieben. In dieser Zeit hatten die Pubs traditionell geschlossen. (ud)