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16.05.2012

Natürlich blond

Die Natur hat helles Haar mehrmals erfunden – und dabei unterschiedliche Wege genutzt

Es ist ein irritierender Kontrast, der den Besuchern der Salomonen im südwestlichen Pazifik ins Auge springt: Verblüffend viele Inselbewohner haben sehr dunkle Haut, aber hellblondes Kraushaar. Fragt man die Melanesier selbst nach dieser Besonderheit, erklären sie meist, dass die hellen Haare eine Folge von Sonne und Salzwasser sind oder dass der viele Fisch auf ihrem Speiseplan das Blondhaar sprießen lässt. Jetzt hat sich ein internationales Team von Genetikern und Molekularbiologen der Frage angenommen – und eine überraschende Antwort gefunden.

Die Hautfarbe der von der Genmutation betroffenen Melanesier ist dunkel, das Haar jedoch ist blond. Foto: Sean Myles
Melanesier, Foto: Sean Myles

Immerhin fünf bis zehn Prozent der Salomonen-Bewohner sind blond. Ein ähnlich großer Anteil von hellen Haaren findet sich nur noch bei der Bevölkerung Europas und Nordamerikas. Genetiker hatten daher eigentlich angenommen, das Blond sei per Schiff mit Händlern, Abenteurern oder Naturforschern aus diesen Gebieten in den Südpazifik gekommen – die blonden Melanesier hätten also, scherzhaft formuliert, eine Art "Captain-Cook-Gen".

Doch Eimear Kenny von der Stanford University und ihre Kollegen glaubten nicht so recht an diese Theorie. Zum einen gehen Mutationen im sogenannten MC1R-Gen, das in Europa der Hauptverantwortliche für blonde Haare ist, im Allgemeinen auch mit einer hellen Haut einher. Die blonden Melanesier haben aber eine Hautfarbe, die zu den dunkelsten außerhalb Afrikas gehört. Und zum anderen gibt es auf den Salomonen keinerlei Abstufungen bei den Blondtönen – jemand ist entweder blond oder eben nicht.

Prüfen ließ sich die These jedoch nur vor Ort. Deswegen machten sich Kennys Kollegen Sean Myles, ebenfalls aus Stanford, und Nicholas Timpson von der University of Bristol auf, um DNA-Proben von den Inselbewohnern zu besorgen. Nach Überwindung diverser Widrigkeiten – auf den Inseln gibt es kaum Straßen, vielerorts keinen Strom, kein Telefon und zudem eine große Vielfalt an verschiedenen Sprachen – konnten die Genforscher insgesamt 1209 Freiwillige für ihre Studie gewinnen. Sie nahmen Speichelproben und vermaßen Hautfarbe, Haarfarbe sowie eine ganze Reihe weitererer Körpermerkmale.

Nur wer von beiden Elternteilen die entsprechende Mutation erbt, hat auch tatsächlich blonde Haare. Foto: Sean Myles
Blonde Haare, Foto: Sean Myles

Für die eigentliche Analyse später im Labor nahmen sich die Wissenschaftler die Proben von den 43 Melanesiern mit den hellsten und den 42 mit den dunkelsten Haaren vor. Der Vergleich zeigte: Es scheint eine einzige Mutation in einem einzigen Gen zu sein, in der sich beide Gruppen unterscheiden – äußerst ungewöhnlich für ein so komplexes Merkmal wie die Haarfarbe, die normalerweise von vielen verschiedenen Genen beeinflusst wird.

Die blonden Inselbewohner erben offenbar von beiden Elternteilen eine Genvariante, bei der an einer bestimmten Stelle statt des üblichen DNA-Bausteins C ein T eingebaut ist. Dadurch verändert sich der Bauplan für die Produktion der  Farbpigmente der Haare, was zu der Blondfärbung führt. Wer allerdings nur von einem Elternteil die T-Variante erbt, hat keine blonden, sondern dunkle Haare, da die C-Variante des anderen Elternteils den Effekt der T-Version sozusagen überschreibt.

Der T-Typ scheint den Gehalt des Farbstoffs Melanin in den Haaren zu reduzieren und deswegen das helle Blond hervorzurufen, erläutert das Team. Vermutlich sei die Mutation vor etwa 10.000 Jahren zum ersten Mal aufgetreten und habe sich dann rasch in der kleinen Gruppe der Inselbewohner ausgebreitet, spekulieren die Forscher. Das Interessante an diesem Fund sei, dass die Mutation des Gens in keiner anderen Bevölkerungsgruppe vorkommt. Zwar gibt es eine sehr seltene Form von Albinismus, die ebenfalls auf eine Veränderung in diesem Gen zurückzuführen ist. Sie ist jedoch durch eher rötliches Haar und eine rote Hautfarbe charakterisiert.

Die Natur habe blondes Haar also mehrmals erfunden und sei dabei ganz unterschiedliche Wege gegangen, lautet das Fazit von Kenny und ihren Kollegen. Dass der helle Schopf der Melanesier einen völlig anderen genetischen Ursprung hat als in anderen Regionen der Welt, sollte Genforschern zu denken geben, mahnen sie: Wenn diese nicht aufhörten, die Europäer als Maß aller Dinge zu betrachten, könnten ihnen spannende genetische Zusammenhänge entgehen, sodass das Gesamtbild stark verzerrt werde. Als nächstes wollen sich die Wissenschaftler mit der Hautfarbe der Melanesier und anderer Inselvölker beschäftigen. Denn dort, vermuten sie, könnte es ähnlich überraschende Zusammenhänge geben. (ilb)