01.08.2012
Neues System lässt Blinde Farben hören
Israelische Wissenschaftler entwickeln akustischen Sensor für Sehbehinderte
Weiß klingt wie eine menschliche Stimme, Blau wie eine Trompete, Rot wie eine Orgel, Grün wie ein Synthesizer und Gelb wie eine Violine: Diese Verknüpfungen von Farben und Klangfarben sollen Blinden künftig das Leben erleichtern. Sie sind Teil eines von israelischen Wissenschaftlern entwickelten Systems, das Bilder in akustische Landschaften umwandelt, anhand derer sich Blinde und Sehbehinderte im Raum orientieren können.

- Die von der an einer Brille befestigten Kamera aufgenommenen Bilder werden von dem System in Klanglandschaften umgesetzt. Foto: Maxim Dupliy, Amir Amedi, Shelly Levy-Tzedek
Der von den Wissenschaftlern der Hebräischen Universität in Jerusalem entwickelte Algorithmus scannt das von einer Digitalkamera aufgenommene Bild von links nach rechts durch und gibt die dabei aufgenommenen Farben anhand der verschiedenen Instrumente wieder. Je intensiver jeweils eine Farbe ist, desto lauter ist der zugehörige Klang. Während sich die horizontale Position eines Objektes aus der zeitlichen Abfolge der erklingenden Töne ergibt, repräsentiert die Tonhöhe des Klanges dessen vertikale Position. Ist das Bild komplett als akustische Landschaft wiedergegeben, wird ein neues Bild aufgenommen, und die Wiedergabe startet nach einem akustischen Signal von neuem.
Besonderen Wert haben die Wissenschaftler bei der Umsetzung farbiger Bilder auf die ästhetische Qualität der Klänge gelegt. "Die Töne umfassen fünf Oktaven und wurden von Musikern sorgfältig ausgewählt, um den Nutzern ein angenehmes Hörerlebnis zu verschaffen", erklärt Studienleiter Amir Amedi. Daher haben die Forscher dem System auch den Namen "EyeMusic" gegeben.

- Verschiedene Farben werden von dem System durch die Klänge unterschiedlicher Instrumente dargestellt. Darstellung: Maxim Dupliy, Amir Amedi, Shelly Levy-Tzedek
Wie gut die Umsetzung von Bildern in Klänge in der Praxis funktioniert, haben die Wissenschaftler nun auch in einer Studie mit Freiwilligen erprobt. Den 18 Teilnehmern wurden dazu die Augen verbunden. Sie übten zunächst, mithilfe des Programms die Lage eines weißen Rechtecks auf einem Bildschirm zu lokalisieren. Anschließend hatten sie die Lage eines weißen und eines blauen Rechtecks abzuschätzen.
Dabei zeigte sich, dass die Probanden nach nur kurzen Übungsphasen von oft nur einer halben Stunde anhand der Klänge die Lage von Objekten im Raum sehr präzise angeben konnten. Dies unterstütze die von Hirn- und Wahrnehmungsforschern immer wieder aufgestellte Hypothese, dass die räumliche Wahrnehmung beim Menschen sehr flexibel ist und keineswegs allein auf den Sehsinn angewiesen sei, erklären die Wissenschaftler. Nun wollen sie "EyeMusic" weiterentwickeln und so an die Bedürfnisse blinder Menschen anpassen, dass das System einmal als Hilfsmittel für die Orientierung im Raum eingesetzt werden kann. Mit den Klanglandschaften von "EyeMusic" wäre für Blinde die Welt dann ebenso farbig und bunt wie für Sehende. (ud)
Projektseite der Forscher mit Beispielen zum Sehen und Hören


