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08.02.2006

Orange: eine Farbe im Aufschwung

Wie aus einem einst kaum beachteten Farbton eine aktuelle politische Farbe wurde

Mit der Trendfarbe Orange lassen sich Wahlen gewinnen – das hat die CDU im vergangenen Herbst bewiesen. Auf Wahlplakaten wie auf den T-Shirts der Wahlhelfer machte sich die Farbe Orange breit, und ist auch heute noch auf den parteilichen Internetseiten vertreten. Das CDU-Orange mit Namen "Pantone 144 C" hat in der Tat solche Berühmtheit erlangt, dass gleich mehrere Menschen die Urheberschaft für sich in Anspruch nehmen: Vor Gericht stritten sich der Werbemann Bernd Kreutz oder der CDU-Politiker Laurenz Meyer darüber, wer die Idee hatte, die CDU in Orange auftreten zu lassen.

Orange ist die Symbolfarbe der Anhänger des ukrainischen Politikers Wiktor Juschtschenko. Foto: Wikipedia
Orange ist die Symbolfarbe der Anhänger des ukrainischen Politikers Wiktor Juschtschenko. Foto: Wikipedia

Urheberschaft hin oder her, die Farbe Orange sollte die CDU aufpeppen: "Neue Wähler anziehen, ohne die alten zu verschrecken", schrieb die Wochenzeitung "Die Zeit" über das neue Farbkonzept. Laurenz Meyer unterstellt der Farbe eine "emotionale Dimension" und einen "Lustfaktor", und hält sie außerdem für "total in". Letzteres lässt sich zumindest in der politischen Arena nicht bestreiten: Ausgestattet mit orangefarbenen Bannern, Fahnen und Schleifen protestierten Anhänger Viktor Juschtschenkos im Herbst 2004 gegen die Manipulation der Präsidentenwahl in der Ukraine. Die Demonstrationen zeigten Wirkung und bei der Wahlwiederholung im Dezember 2004 siegte die "orange Revolution".

 

Ebenfalls mit der Farbe Orange gaben Siedler in Israel ihrem Unmut über die Rückgabe des Gazastreifens Ausdruck: Sie befestigten als Zeichen ihrer Ablehnung orangefarbene Bänder an Autoantennen und trugen orange Stirnbänder. Befürworter des Rückzugs aus dem Gazastreifen beriefen sich dagegen auf die Farben der israelischen Fahne und trugen blaue oder blau-weiße Bänder.

 

Welcher Eigenschaft die Farbe Orange ihren Aufschwung zu verdanken hat, ist schwer zu klären. Sie steht den Farbpsychologen zufolge für Energie, Aktivität, Geselligkeit und Wärme. Verstärkt durch Werbespots für Orangensaft assoziieren viele Menschen außerdem die Adjektive "spritzig, sonnig, gesund" mit der Farbe Orange. Im Feng Shui, der chinesischen Lehre von der Harmonie mit der Umgebung, ist Orange die Farbe des Glücks: Sie wärmt, regt an und muntert auf. Im Buddhismus steht Orange gar für die höchste Stufe der menschlichen Erleuchtung, weshalb buddhistische Mönche entsprechend gefärbte Gewänder tragen.

Spritzig und gesund: Viel mehr verbanden die meisten Menschen bisher nicht mit der Farbe Orange. Foto: Brillux
Spritzig und gesund: Viel mehr verbanden die meisten Menschen bisher nicht mit der Farbe Orange. Foto: Brillux

Gleichzeitig gilt Orange in der westlichen Welt als billig, laut und aufdringlich. Dieses Stigma verdankt es unter anderem billigen orangefarbenen Kunststoffprodukten der letzten Jahrzehnte. In den siebziger Jahren erlebte es seinen Aufschwung in Lampenschirmen, Sitzmöbeln und Toastern, die auch heute wieder als "retro" modern sind – nicht billig, aber immer noch laut.

 

Laut, das sind auch die holländischen Fußballfans, die mit orangefarbenen Trikots, Mützen und Schals ihre Mannschaftszugehörigkeit signalisieren. In den Niederlanden ist Orange eine geschichtsträchtige Farbe, die seit mehr als 400 Jahren mit dem niederländischen Königshaus in Verbindung gebracht wird. Die Familie führt Orange als königliche Wappenfarbe, seit der Stammvater Wilhelm von Nassau im Alter von elf Jahren das südfranzösische Fürstentum Orange im Rhonetal erbte. Aus der niederländischen Schreibweise "Oranje" entstand der Dynastiename der "Oranier", deren Abkommen beispielsweise Schlösser wie Oranienburg bei Berlin erbauen ließen.

 

Auch in Irland hinterließen die Niederländer ihren orangefarbenen Stempel: Ein Wilhelm von Oranien besiegte die katholischen Iren 1682, und noch heute trägt der britentreue protestantische Oranierorden in Nordirland die Farbe zur Schau, wenn er den Gedenktag der Schlacht mit öffentlichen Märschen feiert.

 

Die Farbe Orange ist also kein Neuling in der politischen Arena. Doch damit ist noch nicht geklärt, worauf die neuerliche orange Welle zurückzuführen ist. Thomas Macho von der Humboldt-Universität zu Berlin geht dieser Frage in seinem Artikel "Orange – das sympathischere Rot?" in der Neuen Zürcher Zeitung nach. In seinen Ausführungen stellt er fest, dass Farben leicht zu politisieren sind und rasch und mühelos die Erfahrung von Zugehörigkeit erlauben. "Das Parteienspektrum hat inzwischen den Farbkreis weitgehend ausgeschöpft", heißt es in dem Artikel weiter. Daraus ergibt sich für Macho die Frage, ob Orange seit 2004 in der Annahme politisiert wurde, dass die Farbe noch "frei" sei – zumindest in weiten Teilen Europas.

 

Ein interessanter Ansatzpunkt, doch schlüssig klären lässt sich auch diese Frage nicht – Modeerscheinungen wie Kunstwerke sind der Frage nach dem "Warum" schließlich selten zugänglich. Auch Christo und Jeanne-Claude gestalteten ihr Projekt "The Gates" im New Yorker Central Park in 2005 in Orange – eigenen Angaben zufolge, weil es die Farbe des Herbstes ist. In einer politisch geladenen Atmosphäre wie in den USA ist es jedoch durchaus naheliegend anzunehmen, dass sie die Farbe unter anderem wegen ihres Mangels an politischer Assoziation wählten.