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20.05.2009

Rätselhaftes Blond

Evolutionsgeschichtler wissen bis heute nicht, warum sich die helle Haarfarbe so weit ausbreiten konnte

Jeder fünfzigste Mensch auf der Welt ist blond. Die Haarfarbe gilt als positiv besetzt und sympathisch, blonde Frauen als besonders attraktiv. Doch wie ist diese Haarfarbe in der Evolution des Menschen entstanden? Wie konnte sie sich ausbreiten? Nach Antworten auf diese Fragen forschen Genetiker und Anthropologen bereits seit vielen Jahren – die Evolution des blonden Menschen hat eine lange und verschlungene Geschichte.

Die meisten blonden Kinder – und natürlich auch Erwachsene – gibt es in Skandinavien. Foto: suze, Photocase.com
Foto: suze, Photocase.com

Die Vorfahren des modernen Menschen lebten in Afrika, und sie waren dunkelhaarig und dunkelhäutig. Die dunkle Haut bot unter der sengenden Sonne des Schwarzen Kontinents einen evolutionären Vorteil: Sie war gegenüber der harten UV-Strahlung, die Sonnenbrand und im Extremfall Hautkrebs auslösen kann, weitgehend unempfindlich. Doch irgendwann – Genetiker schätzen vor 20.000 bis 40.000 Jahren – trat in einem Gen namens MC1R, das einen entscheidenden Einfluss auf die Pigmentierung von Haut und Haaren ausübt, eine Mutation auf. Wie die Menschen mit dieser neuen Genvariante aussahen, wissen wir heute nicht, doch sie könnten wesentlich hellere Haut und helleres, vielleicht sogar rotblondes oder blondes Haar gehabt haben.

Die Haarfarbe des Menschen wird durch das Zusammenspiel von zwei Pigmenten bestimmt, dem Eumelanin und dem Phaeomelanin. Dunkle Haare enthalten besonders viel Eumelanin und wenig Phaeomelanin, während das Haar blonder Menschen generell wenig von beiden Pigmenten enthält. Bei rothaarigen Menschen überwiegt das rötliche Phaeomelanin. Wie die genetische Ausstattung eines Menschen jedoch die Kombination von Pigmenten genau steuert, ist bisher allerdings unklar.

Seit der ersten Mutation des MC1R-Gens gab es in der Evolutionsgeschichte des Menschen noch viele weiterer solcher zufälliger Veränderungen. Rund siebzig durch Mutationen bedingte Varianten des Gens haben Wissenschaftler an heute lebenden Menschen gezählt. Doch warum sich diese Varianten so weit in der Menschheit verbreitet haben, wissen die Forscher noch nicht – brachte es für die frühen Menschen doch evolutionär betrachtet zunächst vor allem Nachteile, hellhäutig und damit auch blond zu sein. So können blonde und vor allem rotblonde Menschen ein hundertfach höheres Risiko haben, an Hautkrebs zu erkranken.

´Unter den in Afrika lebenden Menschen hat die Evolution denn auch die Mutationen weitgehend wieder ausgemerzt, die zu hellerer Haut und damit auch zu helleren Haaren führen: Von den siebzig bekannten Varianten des MC1R-Gens treten bei Menschen afrikanischer Abstammung heute nur fünf auf. Dieses Bild wandelt sich in gemäßigten Breiten und je weiter man nach Norden vordringt. Hier nimmt die Zahl der hellhäutigen und blonden Menschen stark zu: Mitteleuropäer sind generell hellhäutig, und etwa zehn Prozent der Deutschen sind blond.

Warum sich helle Haut und blonde Haare trotz des erhöhten Hautkrebsrisikos in Mitteleuropa so verbreitet haben, darüber zerbrechen sich Wissenschaftler bis heute die Köpfe. Der kanadische Anthropologe Peter Frost ließ sich 2006 sogar zu der Hypothese hinreißen, gegen Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 bis 15.000 Jahren habe in Mitteleuropa ein eklatanter Männermangel geherrscht, der letztlich dem Blond zum Durchbruch verholfen hätte. Da jagdbares Großwild seltener und die Jagd immer gefährlicher wurde, hätten die Männer schließlich kaum mehr als eine Frau mit Fleisch versorgen können. Da viele Jäger von ihren Jagdzügen nicht mehr wiederkehrten, buhlten die Frauen um die Gunst der verbliebenen Männer. Frauen mit der zu dieser Zeit exotischen blonden Haarfarbe hätten da die besseren Chancen gehabt, glaubt Frost – ein Idee, die in den Medien mit großem Interesse aufgenommen wurde, bedient sie doch gängige Blondinen-Klischees.

Doch andere Forscher halten Frost Hypothese für unwahrscheinlich, vor allem, nachdem ja die ersten Mutationen zu heller Haut und zum Blond wesentlich älter sind. So vermutet der britische Dermatologe Jonathan Rees, hellhäutige Menschen hätten in den gemäßigten Breiten einen ganz anderen evolutionären Vorteil ausspielen können: Ihre Haut kann im Sonnenlicht wesentlich schneller das Vitamin D3 produzieren. Ein Mangel an dem lebenswichtigen Stoff kann zu Rachitis führen, einer schweren Störung im Knochen- und Muskelaufbau. Hellhäutige Menschen waren daher auch im hohen Norden vor Rachitis geschützt, während Hautkrebs in diesen Breiten keine so große Gefahr mehr darstellte.

Genetiker fanden jedoch 2005 noch eine weitere mögliche Erklärung für die evolutionäre Erfolgsgeschichte der blonden Haarfarbe: Rotblonde Menschen sind weniger schmerzempfindlich, haben Experimente gezeigt. Das MC1R-Gen beeinflusst offenbar auch die Weiterleitung von Schmerzsignalen. Möglicherweise hatten rotblonde Menschen im harten Steinzeitalltag aus diesem Grund einen kleinen Überlebensvorteil, der zur Ausbreitung der entsprechenden Gene führte. (ud)