06.08.2008

Rostiger Schutz

Einige Stahlsorten schützen sich ganz ohne Lack von allein gegen das Wetter – mit einer Rostschicht

Rost, das klingt zunächst nicht nach einer gewünschten Oberfläche, sondern nach einem Problem. Manchmal aber ist Rost durchaus gewollt und kann sogar eine Lackschicht ersetzen: Wetterfester Stahl etwa verdankt seine Haltbarkeit keinem Speziallack, sondern wird von einer simplen Rostschicht geschützt. Ingenieure schätzen diese unter dem Namen Cortenstahl bekannten Materialien wegen des geringen Wartungsaufwandes, Künstler verweisen gerne auf die ästhetische Wirkung des rötlichen Belags.

Die gewaltige Skulptur 'View Point' von Richard Serra besteht aus Cortenstahl – einem Material, dessen sich sehr viele Künstler bedienen. Foto: Karl.bodinet, wikipedia.de
Die gewaltige Skulptur 'View Point' von Richard Serra besteht aus Cortenstahl – einem Material, dessen sich sehr viele Künstler bedienen. Foto: Karl.bodinet, wikipedia.de

Wetterfester Stahl ist mittlerweile in einer Vielzahl von Häusern, Brücken und anderen Konstruktionen verbaut. Von einem der ersten Hersteller, der amerikanischen "United States Steel Corporation", stammt die Bezeichnung Cor-Ten-Stahl – eine Kombination der Silben COR für "corrosion resistance", also die Widerstandsfähigkeit gegen Korrosion, und TEN für "tensile strength", Zugfestigkeit. Der Amerikaner Byramji D. Saklatwalla hatte die Entwicklung Ende der 1920er Jahre vorangetrieben und Patente dazu angemeldet. Annähernd zeitgleich hatten in Deutschland die Vereinigten Stahlwerke in Dortmund bereits 1928 mit dem Union-Baustahl ein entsprechendes Produkt im Angebot. Dennoch hat sich die leicht veränderte Schreibweise "Cortenstahl" mittlerweile auch in Deutschland etabliert und wird manchmal als Synonym für wetterfeste Stahlsorten verwendet.

Die herausragende Eigenschaft von wetterfestem Stahl ist seine Korrosionsbeständigkeit unter natürlichen Bedingungen. Dafür verantwortlich ist paradoxerweise Rost – das sichtbarste Merkmal von Korrosion. Die dicke Rostschicht wirkt hier jedoch wie eine Versiegelung: Das darunter liegende Material wird durch den Rost vor der Atmosphäre geschützt und kann so nicht weiter oxidieren.

Die Skulptur 'Berlin Junction' an der Tiergarten-Straße in Berlin dient heute als Mahnmal für die Opfer der Euthanasie. Foto: Hans Bug, wikipedia.de
Die Skulptur 'Berlin Junction' an der Tiergarten-Straße in Berlin dient heute als Mahnmal für die Opfer der Euthanasie. Foto: Hans Bug, wikipedia.de

Die Rostfärbung verleiht Bauteilen aus wetterfestem Stahl auch ihr charakteristisches Aussehen. Aufgrund der besonderen Zusammensetzung des Stahls bildet sich die Rostschicht besonders schnell und erreicht innerhalb weniger Jahre die Dicke eines herkömmlichen Anstrichs. Maßgeblich dafür ist die Beimengung von Kupfer, Chrom, Silizium, Nickel und Phosphor während der Stahlproduktion. Bereits ein geringer Anteil dieser Elemente, üblicherweise weniger als ein Prozent der Gesamtmasse, verleiht dem Stahl seine besonderen Merkmale.

Unter optimalen Bedingungen kommt die Korrosion unter der Rostschicht fast zum Erliegen. Dafür muss der Stahl einem regelmäßigen Wechsel von Feucht- und Trockenperioden ausgesetzt sein. Eine extrem feuchte Umgebung ist für das Material dagegen gefährlich: Bildet sich Staunässe am wetterfesten Stahl, so kann das Wasser durch mikroskopisch kleine Risse dringen und den Korrosionsprozess beschleunigen.

In der Anfangsphase waren diese Zusammenhänge allerdings noch nicht erforscht und so kam es zu einigen Fehlern in der Anwendung – Bauelemente verrosteten schneller als gedacht und mussten daher früher ersetzt werden. Mittlerweile sind die Eigenheiten des Materials aber bekannt und es wird von Ingenieuren im Stahlbau häufig eingesetzt.

Aber auch Künstler schätzen das Material: Der bekannte US-amerikanische Bildhauer Richard Serra etwa arbeitet ausschließlich mit wetterfestem Stahl und schuf damit Kunstwerke wie das bekannte "Terminal" am Bochumer Hauptbahnhof, das in seiner Anfangsphase allerdings stark umstritten war, oder die Skulptur "View Point" in Dillingen an der Saar. Nicht jedem gefällt der rostige Farbton. Das Kunstwerk "Tilted Arc", das Serra 1981 im Auftrag einer US-Behörde in New York errichtet hatte, missfiel den Bewohnern New Yorks so sehr, dass es nur acht Jahre nach seiner Fertigstellung wieder abgerissen wurde. (zen)