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21.09.2005

Rot wirkt quadratisch und blau wirkt rund

Wenn die Farbe die Form bestimmt: Die Bauhauslehrer Johannes Itten und Wassily Kandinsky ordneten Farben eine geometrische Form und expressive Wirkung zu

Der Kreis blau, das Quadrat rot und das Dreieck Gelb: Für Johannes Itten hatten Form und Farbe einen engen Bezug zueinander.

Die Beziehungen zwischen Farbe und Form beschäftigte die Künstler und Lehrer der Bauhaus-Schule in den 20er Jahren sehr intensiv. So durchzieht die Suche nach der richtigen Farbe als Gestaltungs- und Orientierungsmittel die gesamte Bauhausgeschichte. Die beiden Bauhauslehrer Johannes Itten und Wassily Kandinsky entwickelten mit ihren Schülern bis heute gültige Farbordnungen und Farbsysteme. Auf deren Grundlage untersuchten sie den Zusammenhang zwischen Farbe und Form und ordneten den Farben bestimmte Eigenschaften und Charaktere zu.

Im Zentrum der Lehre Ittens stand zunächst das Erkennen und Gestalten von Farbkontrasten und der Farbbeziehungen untereinander. Die von ihm untersuchten und weithin bekannten Kontrastarten beeinflussen bis heute Design, Kunst und Architektur. In seinem Buch "Kunst der Farbe" beschreibt der Künstler auch Ausdruck und Wirkung der Farben und geht in seiner "expressiven Farbenlehre" dazu über, einzelnen Farben bestimmte Charaktere und abstrakte, geometrische Formen zuzuordnen.

Die Farbe Rot stellt für Itten die körperhafte Materie dar. Sie wirkt statisch und schwer. Er ordnet deshalb der Farbe die statische Form des Quadrates zu. Gelb zeigt sich kämpferisch und aggressiv, besitzt einen schwerelosen Charakter und steht bei Itten für den Geist und das Denken. Diesem Charakter entspricht das Dreieck. Die Farbe Blau dagegen wirkt für Itten rund, erweckt ein Gefühl der Entspanntheit und Bewegung und steht für den "in sich bewegten Geist", wie er sich ausdrückt. Der Kreis entspricht der Farbe Blau, da er ein Symbol der "stetigen Bewegung" darstelle. Itten übertrug diese drei Farbcharaktere in seiner so genannten Farbtyplehre später auf die menschlichen Charaktertypen und die damit verbundenen, wie er meinte, erklärbaren Farbpräferenzen eines jeden Menschen.

Der Maler beschäftigte sich aber nicht nur mit der Form der drei Primärfarben Rot, Gelb und Blau. Er leitete auch für die im Farbkreis dazwischen liegenden Sekundärfarben Orange, Grün und Violett entsprechende geometrischen Formen ab. Zwischen dem roten Quadrat und dem gelben Dreieck liegt folglich das orangefarbene Trapez. Im Übergang vom blauen Kreis zum roten Quadrat entsteht eine Ellipse, in der Farbe Violett. Und zwischen gelbem Dreieck und Blauen Kreis formt sich ein sphärisches, grünes Dreieck mit abgerundeten Ecken. Stimmen Farbe und Form in ihrem Ausdruck überein, summiert sich nach der Meinung Ittens ihre Wirkung.

Auch der expressionistische Maler Wassily Kandinsky beschäftigte sich mit der Frage, welchen Charakter bestimmte Farben haben und in welchen Formen sie am besten wirken. Wie schon bei Itten bildeten die drei Grundfarben Rot, Gelb, Blau und deren Zuordnung zu den Grundformen Quadrat, Dreieck, Kreis den Ausgangspunkt für seine Farbenlehre. Kandinsky verfolgte dies weiter und stellte den drei Basisfarben dreidimensionale Körper gegenüber: Aus dem Quadrat entstand ein roter Kubus, aus dem Dreieck eine gelbe Pyramide und dem Kreis entspricht in seiner räumlichen Konsequenz die blaue Kugel.

Die psychologische Wirkung der Farbe untersuchte Kandinsky mit so genannten gegenpoligen Farbpaaren. Er bezeichnet die Wirkung von Gelb als exzentrisch und hervortretend, Blau dagegen verhält sich konzentrisch und zurücktretend. Als Synästhetiker belegte Kandinsky die Farben nicht nur mit Charakteren, er konnte sie auch hören. So klingt die Farbe Gelb für ihn in hohen und durchdringenden Tönen, die Gegenfarbe Blau jedoch tief und dunkel. In seinen abstrakten, farbigen Bildern stellte er eine Verbindung zwischen Musik und Farben her. Sie fordern den Betrachter dazu auf, Analogien in Gehörtem zu finden. Der Maler wählte für seine Werke Titel wie "Konzert" und "Fuge" oder nannte seine Serien "Komposition und Improvisation". Man geht davon aus, dass viele dieser Bilder die Farbempfindungen Kandinskys beim Hören von Musikstücken widerspiegeln.

Die gegenseitige Unterstützung von Form- und Farbgebung entsprang dem Wunsch, gültige Gestaltungsprinzipien zu finden, die in Kunst und Design universell anwendbar waren und wirkungsvolle Kommunikationsmittel darstellten. Im Bauhausunterricht fanden die Theorien über den Zusammenhang von Farbe und Form zahlreiche Umsetzungen in Grafikdesign und Innenarchitektur, zum Beispiel in der Anwendung grafischer Orientierungssysteme, im Plakatentwurf, der Wandgestaltung und im Möbeldesign.